Neuigkeiten aus Burundi (IV)
Oktober 29, 2006
Immer noch Samstag, 28. Oktober 2006. 22.31 Uhr. Benoit hat uns vier in unser neues Domizil gefahren. Es ist dunkel, man sieht auf der Straße rein gar nichts mehr, weil jetzt auch noch kaum Autos fahren. Aber von vorne…
Heute Morgen sind wir ein letztes Mal in den Vorratskeller des Restaurants und haben ein paar Dinge zusammen gesucht, die wir mitnehmen ins Kinderheim. Vorher saßen wir kurz mit Verena zusammen und haben noch ein paar Einzelheiten besprochen. Vor allen Dingen ging es um Wasser, Strom und Moskitonetze. Ersteres kommt, wie schon beschrieben, nur Schubweise – wenn überhaupt. Meistens ist das in der Nacht, so gegen drei oder vier Uhr. Der Nachtwächter muss dann alle verfügbaren Behältnisse für den Folgetag füllen. Strom gibt es zwar in den beiden Gebäuden der Mädchen und Jungs – nicht aber in unserem. Verena erklärte mir, dass das mit einem Streit mit den Wasserwerk zusammenhänge. Es habe die ganze Zeit reguläre Rechnungen geschickt, obwohl kein Wasser kam. Also hat Verena die Rechnungen nicht mehr bezahlt und sich beschwert. Unzählige Male. Aber wie das in Burundi so ist, stößt man bei den Behörden auf taube Ohren. Im Gegenzug hat das Wasserwerk nun den Strom teilweise, das Wasser ganz abgestellt.
Die Folge ist, dass wir ähnlich leben, wie im 18. Jahrhundert. Nur, dass ich hier mit dem Notebook sitze. Wasser haben wir heute von Verenas Haus geholt, in drei großen Kanistern, von denen, denke ich, einer 20 Liter fasst. Strom gibt es in unserem Haus nach wie vor keinen. Verena möchte den Zwist mit dem Werk aber zügig klären und außerdem einen kleinen Generator kaufen. Zähne putzen sieht dann so aus, dass wir das Wasser aus einem Kanister direkt über unsere Zahnbürsten laufen lassen. Natürlich in sparsamen Rationen – denn es ist ein unschätzbares Gut und wir lernen nun, es gemäß seines Wertes einzusetzen. Wasser wird erst zum Waschen genommen – Gesicht, dann Hände. Anschließend als Klospülung. Denn auch hier fehlt das Wasser. Deshalb rennen wir hier auch ständig mit dem Eimer in der Hand rum – und jeder weiß, wohin man geht. Die Kinder machen es derzeit noch etwas einfacher. Sie pinkeln, solange kein Wasser hergeleitet wird, einfach in die Güllegrube hinterm Haus. Den Geruch bekommen wir gerade zu schmecken, als wir schlafen gehen wollen. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn man den Hahn aufdreht und gar nichts passiert…
Bevor wir unsere Zimmer bezogen, haben wir mit den neu gekauften Lappen und Eimern erst einmal geputzt. Was Afrikaner unter putzen verstehen, ist nicht einmal das, wenn man mit einem trockenen Lappen über Essensreste hinwegfegt. Allerdings, und das muss man ihnen anrechnen, als Verena das Kommando gab, die Küche müsse sauber sein, sind sie gespurtet. Und siehe da, sie können es doch! Wir fangen bei unserer Arbeit im Heim auch hier an – den Erziehern beizubringen, wie man richtig erzieht. Sauberkeit ist das Stichwort. Nur dann lassen sich Cholera, Würmer und Parasiten erfolgreich bekämpfen. Aber diese sturen Köpfe…
Überhaupt, der sorgfältige Umgang mit allen Dingen. Ein Tischfußball zum Beispiel. Das Spielgerät ist hier seit Januar. Und schon kaputt und zu nichts mehr zu gebrauchen. Oder ein Tisch aus gutem Holz aus dem Kongo. Verena schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Schon ein Bein kaputt. Die Betreuer, Jungs und Mädchen müssen verstehen, dass es so nicht funktionieren kann. Wenn ständig Geld für einen neuen Tisch aufgewendet werden muss, bleibt es bei diesem immerwährenden Kreis und diesem Stand der Dinge. Pflegt man aber seinen Tisch, sodass quasi Geld übrig ist, steht vielleicht bald eine Schreibmaschine darauf. Pflegt man diese ebenfalls, wird es vielleicht bald zu einem Computer. Die Leute hier haben Möglichkeiten, die sie noch gar nicht kennen. Und das wollen wir in ihre Köpfe kriegen. Und zwar so tief, dass sie es nicht nur akzeptieren, sondern umsetzen und weitergeben.
Jetzt sitze ich hier in unserem kleinen, etwa 10 Quadratmeter großen Zimmer unter dem Moskitonetz, lausche dem Regen, ignoriere den Güllegestank und denke nach. Verena und Ursula sind heute gut angekommen. Da sie nur vier Tage bleiben können, haben sie zu ihrem wenigen Gepäck ganz viele Spenden mitbringen können. Darunter sind auch meine gesammelten Medikamente, Minifußbälle, Kugelschreiber und vieles andere.
Es ist heute so vieles passiert, dass es nicht ausreicht, alle Gedanken an einem Abend zu fassen. Ich werde morgen weiter schreiben. Bonne nuit!
Sonntag, 29. Oktober 2006
Gottesdienst
18.17 Uhr. Sitze gerade wieder auf dem Balkon von Verena. Heute Morgen sind wir zum Duschen vom Kinderheim hierher gelaufen. Etwa ein Kilometer. Die Dusche im Kinderheim ist vollkommen düster – selbst bei Tageslicht sieht man nicht die Hand vor Augen. Und da es die Afrikaner mit dem Putzen nicht so haben, bzw. in unserem Gebäude die ganze Zeit niemand gewohnt hat, wissen wir nicht, was sich darin alles so tummelt. Darüber hinaus gab es eh kein Wasser. Deshalb sind wir mit Handtüchern losgezogen und haben uns hier fertig gemacht. Danach haben wir zusammen mit Martina und Ursula aus Köln gefrühstückt. Papaya mit Zitrone, Brot aus Deutschland, das die beiden mitgebracht haben und Käse aus dem Kongo. Im Anschluss nahm uns Benoit mit in die Kirche. Anglikaner. Ein Erlebnis, nur schwer in Worte zu fassen. Fast eine richtige Show, die Gottesdienste in Deutschland sind dagegen eine regelrechte Trauerfeier. Die Kirche ist schon voll bis auf den letzten Platz, als wir eintreffen. Sogar draußen sitzen Leute auf Holzbänken. Drinnen wird uns sofort die erste Reihe geräumt, als die Leute Benoit kommen sehen. Er hat wirklich hohes Ansehen. Er hatte auch schon in der Regierung mitgewirkt – früher. Und heute hat er auch noch irgendeine Funktion. Ich blicke da noch nicht richtig durch. Werde ihn aber über sein gesamtes Leben interviewen, das haben wir schon vereinbart. Dann weiß ich mehr.
Als wir saßen, kam plötzlich von den Bänken auf der linken Seite, wo viele Kinder ihren Platz hatten, ein kleiner Junge zu mir. Ich schätze mal, dass er nicht älter als drei oder vier Jahre alt war. Er war total fasziniert, fasste mich an und – blieb einfach. Er nahm meine Hand und stellte sich vor mich. Natürlich nicht, ohne den Kontakt abreißen zu lassen. Als ich eine Weile später merke, dass ihm das Stehen schwer fällt, lüpfe ich ihn auf mein linkes Bein. Dort blieb er auch – wie ein kleiner Prinz, vor Stolz platzend. Als ich dann auch noch anfing, zu fotografieren, war es ganz hin und weg. Er machte immer mit und wollte die Fotos dann auch gleich ansehen. Jedes einzelne, versteht sich. Unglaublich, diese Zutraulichkeit. Die Leute um mich herum fanden es ebenfalls amüsant.
Der Gottesdienst dauert hier zwei Stunden – von 10 bis 12 Uhr. Ein Potpourri aus Predigen auf Kirundi (Benoit übersetzte immer für uns), Gebeten und Chorgesängen, Trommeln. Eine Show, die wirklich mitreißt. Unglaublich gut. Einziges Manko: die Temperatur in der Kirche stieg kontinuierlich, dass ich irgendwann rausgehen musste und Luft brauchte. Das stört hier keinen. Es ist wirklich ein Leben in der Kirche. In Deutschland nicht denkbar!
Vorgestellt wurden wir auch noch. Vor der versammelten Mannschaft. Wir, die „abadage“, das Wort für Deutsche. Wörtlich übersetzt: „die, die guten Tag sagen“. Rührt von der Kolonialzeit her. Die Burunder haben die Deutschen gut in Erinnerung. Unser Vorteil. Man lernt hier auch ständig neue Leute kennen. Sehr viele sind vollkommen offen, sprechen einen an oder wollen ein Gespräch, das über „bonjour“ hinausgeht. Auf dem Heimweg sprachen wir auch kurz mit einem Polizisten. Einem, der ausnahmsweise mal strahlte.
Ich bin mir sicher, wir werden hier öfter mal in die Kirche gehen. Nicht etwa, weil wir unseren Glauben entdeckt hätten, sondern einfach der Show willen. Man kann das mit einem Gospel-Gottesdienst in den USA vergleichen. Nur eben original afrikanisch und auf Kirundi.
Wasser
Nach einem kleinen Salat mit Baguette am Mittag, sind wir zurück ins Kinderheim. Die große Überraschung: Der Heimleiter für die Jungs, Emanuel, verkündet und zeigt uns stolz, dass das Wasser fließt. Tatsächlich! Wasser aus dem Wasserhahn! Wir nutzen die Gunst der Stunde, füllen alle Eimer und fangen an, gründlich zu putzen. Ich habe unsere Toilette geputzt – von vorne bis hinten, von oben bis unten. Wände, Boden, alles. Danach desinfiziert. Das Wasser war schwarz. Drei Mal. Die Mädels nahmen sich die Küche vor. Kakerlaken, Mäusekot, Dreck ohne Ende. Jetzt riecht alles frisch nach Zitrone. Ich bin gespannt auf unseren ersten Kochversuch auf dem Gasherd. Ach ja, apropos Kakerlake. Habe vorgestern Abend eine erschlagen. Sind richtig flink, die Viecher. Aber ich war schneller J Ce n’est pas de problem!
Von der Gang zum Startrommler
Die Kinder standen immer bei uns und haben uns beim Putzen zugesehen. Nicht alle, nur Evelyn, Pamela und die kleine Kiki. Eigentlich heißt sie Christine und fasziniert jeden mit ihren großen Kulleraugen. Sie ist zwei. Die Mädchen sind allesamt total süß. Und dazwischen sieht man auch richtig hübsche Gesichter. Als uns Kiki gestern zum ersten Mal sah, fing sie an, zu weinen. Weiße!!! Machte ihr wohl Angst. Heute saß sie stolz bei uns und schmatzte genüsslich die Gummibärchen, die wir ihr gaben. Es gibt einem das gefühl, dass man gebraucht wird. Gestern Abend noch, als wir ins Heim kamen, saßen allesamt vor dem alten, klapprigen Fernsehgerät. Musik ist das Lieblingsprogramm. HipHop aus den USA. Emaunel, ein 14-Jähriger eilt sofort und besorgt uns allen Stühle. Er ist ehemaliges Straßenkind, war Bandenchef und hat eine üble Vergangenheit hinter sich. Kaum zu glauben, wenn man ihn heute sieht und in seine strahlenden Augen schaut. Er ist total aufgeschlossen. Anscheinend konnte er sich anfangs nicht so sehr an das Heim gewöhnen. Ihm wurde aber klar, dass er hier eine Chance hat und ist geblieben. Heute zählt er zu den besten Trommlern und fliegt demnächst mit den anderen Jungs aus dem Straßenkinderheim nach Äthiopien zu der UNICEF-Show. Ein Beispiel, dass man Erfolg haben kann – wenn man den Kindern eine Chance gibt und ihnen ihre Möglichkeiten aufzeigt. Und uns macht es Mut. Die Entscheidung, hierher zu kommen, war richtig.
Strom
Heute Abend erzählte mir Verena wieder eine kleine Anekdote. Hier in Bujumbura gibt es Prepaid-Karten für Strom. Dasselbe wie fürs Handy. Man zahlt eine Karte, gibt einen Code in den Zähler im Keller ein und verbraucht den Strom, den man bezahlt hat. Ist alles aufgebraucht, kauft man eine neue Karte. Finde ich lustig. Vorausgesetzt dafür ist aber, dass man in einem Viertel wohnt, wo es Strom gibt. In unserem Haus gibt es, wie gesagt. Noch keinen. Das wollen wir noch regeln.
Ich merke schon, wie meine Zeit weniger wird. Die Aufgaben werden mehr und mehr, je länger wir hier sind. Und zeitintensiver. Aber dafür sind wir da. Ich werde versuchen, der Schreibarbeit dennoch nachzukommen. Wenn wahrscheinlich auch nicht so häufig, wie bisher. Aber wir müssen ja auch noch etwas erzählen können, wenn wir wieder kommen J. Kommende Woche werde ich vielleicht in Verenas Büro eingearbeitet. Eine große Aufgabe – und ein Vertrauensbeweis. Fortsetzung folgt…
Neuigkeiten aus Burundi (III)
Oktober 28, 2006
Mittag. Gerade sind drei Pakete aus Deutschland eingetroffen. Besser gesagt, ein Hausangestellter hat sie bei der Post abgeholt. Ausgeliefert wird hier nicht. Jeder hat sein Postfach direkt im Postgebäude und muss selbst hin und wieder schauen, ob etwas für ihn da ist. Bei Paketen liegt eine Benachrichtigung im Postfach, dass man es am Schalter abholen kann.
In den Paketen finden sich Medikamente, Kleider für Babys (Strampelanzüge), für Kleinkinder und Jugendliche. Darunter sind auch nagelneue Jeans, sogar noch mit Etikett. Schuhe, Trikots, Babynahrung und allerlei Kleinzeug und Kuscheltiere. Die Sachen werden aber nicht gleich verteilt. Weihnachten steht vor der Tür und wir brauchen für jedes Kind e in Geschenk. Außerdem wollen wir den Kindern einen Adventskalender basteln, dass sie jeden Tag bis Weihnachten eine Kleinigkeit bekommen können. Ich hoffe, wir haben genug Sachen, dass keiner leer ausgehen muss. Darüber hinaus hatten die Mädels die Idee, auch den Nikolaus für die Kids kommen zu lassen. An für sich finde ich den Vorschlag super - ist bestimmt ein riesiger Spaß. Nur eine Sache gefällt mir daran nicht so ganz…nämlich dass ich der Nikolaus sein soll. Ich schwitze schon beim bloßen Gedanken an das Kostüm…Mal sehen, wie wir das angehen…
Weihnachten und Erziehung
An Weihnachten läuft das Verteilen der Geschenke ganz geordnet ab. Verena erzählte die Methode. Diejenigen, die in der Schule die besten Noten haben (an Weihnachten gibt es hier nämlich Zeugnisse), dürfen als erste etwas auswählen. Dann nacheinander die anderen, zuletzt die, die das Schuljahr nicht geschafft haben, ständig zum Nachsitzen kommen müssen (ja, auch das gibt es hier) und so weiter. Im ersten Moment klingt das sehr hart. Anders ist es jedoch nicht möglich und wenn man darüber nachdenkt, sieht man das auch ein. Wer sich anstrengt, wird belohnt. Das wird das spätere Leben der Kinder und Jugendlichen sein. Nur wenn ich mich bemühe, geht es mir gut, muss ich nicht auf der Straße leben, habe ich zu essen, kann meine Frau und Kinder ernähren, den Arzt bezahlen. Tue ich es nicht, muss ich akzeptieren, dass andere mehr haben als ich, es anderen besser geht als mir selbst. Das ist das Spiel. Und bei der Verteilung der Weihnachtsgeschenke fängt es an. Nur im ersten Moment vielleicht etwas hart – aber effektiv und die beste Vorbereitung auf das, was noch kommen kann und wird. Es ist ein anderes Leben hier in Afrika, auch die Kinder hier müssen das erst begreifen. Man kommt nicht von der Schule und fährt Mercedes. Nicht hier. Mercedes fährt, wer sich reinhängt und seine Sache gut macht. Wer schon die Chance erhält, eine Schule zu besuchen, der wird hier einen Teufel tun und es versemmeln. Doch diese Denkweise in die Köpfe der Kinder zu kriegen, ist ein enormer Kraftaufwand. Fangen wir mit Weihnachten an…
Nach dem Mittagessen (Toast Hawaii – ich bekam eine Pizza Hawaii, ohne, dass ich davon wusste; aber die Damen waren der Überzeugung, dass ich mehr essen müsse…) musste Verena zum Frisör. Sie muss auch zu einem weißen Frisör gehen, da die Einheimischen nicht mit unseren Haaren zurecht kommen. Bei mir könnte das anders laufen, ich habe ja recht kurze Haare. Mal sehen, vielleicht lasse ich sie mir im Straßenkinderheim schneiden. Dann verdienen die auch gleich etwas.
Bank, Post und Café
Auf jeden Fall sind Julia, Marie, Lena und ich mitgefahren. Verena ließ uns an der Ecke unserer Bank rausspringen und fuhr weiter. Wir vier erledigten unsere Sachen in der Bank und liefen im Anschluss weiter über die große Hauptstraße Bujumburas zur Post. Die Post ist hier ein sehr langes Gebäude, mehr lang als breit. Außen an der Seite befinden sich die Postfächer eines jeden, der es sich leisten kann. Dorthin wird alles geliefert, abgeholt wird selbst. Der Saal mit den Postschaltern ist relativ klein. Man kann hier aber auch alles bekommen: Briefpapier, Postkarten, natürlich Briefmarken – und sogar Beratung! Auch wenn etwa die Hälfte der Damen hinter dem Holztresen nicht gerade so aus der Wäsche gucken, als hätten sie sonderlich Lust darauf. Man kauft hier seine Briefmarken, muss sie selbst auf den Umschlag kleben (je nach Schwere des Briefs kann die gesamte Front mit Marken zugeklebt sein, sodass nur noch der Adressat zu lesen ist) und wirft seinen Brief dann in den extra hängenden Briefkasten. Ohne Stempel o.ä.
Nach der Post sind wir in das daneben gelegene Café gegangen. Wir nehmen auf der etwa 1,50 Meter breiten und zehn Meter langen Terrasse auf einem Plastikstuhl Platz. Der Tisch ist aus altem Holz und etwas von Holzwürmern geplagt. Die einst schönen Kacheln auf dem Boden sieht man kaum noch vor lauter Staub und Dreck. Wir werden angeschaut wie Außerirdische. Werden wir sowieso immer, aber in diesem Moment besonders. Ich denke, dass sich nicht viele „Muzungus“ hierher verirren. Die Soldaten der UN sowieso nicht, die halten sich nämlich für was besseres. Sie gehen nur in bestimmte Lokale, zahlen in Dollar, anstatt es in die Landeswährung umzutauschen und thronen in ihren dicken Jeeps wie kleine Könige. Es fuhr ein UN-Soldat in einem solchen weißen Jeep an mir vorbei. Sah aus wie ein Südamerikaner oder Mexikaner. Zigarette im Mundwinkel, Ellenbogen aus dem Fenster und ein mehr als abwertender Blick auf die Einheimischen. Dass diesen Leuten gegenüber Abneigung herrscht, wundert mich keineswegs mehr.
Wir trinken Coca Cola, die hier etwas süßer schmeckt, und Fanta. 400 FB zahlen wir pro Flasche. Zur Erinnerung: 1 € sind 1.320 FB. Was mir auffällt ist, dass die Kellnerinnen die Flaschen an den Tisch bringen und dort erst öffnen. Ich denke, das hat denselben Hintergrund wie die Begrüßung, die die Burunder oft anwenden. Die Flaschen bleiben zu, bis sie unter den Augen dessen, der den Inhalt trinken wird, geöffnet werden – um zu zeigen, eine Vergiftung ist unmöglich. Bei der angesprochenen Begrüßung wird – wie bei uns – die rechte Hand gereicht. Wenn es in Europa (zumindest früher) üblich war, die linke Hand hinter dem Rücken zu verstecken und sich leicht zu verbeugen, halten die Burunder mit der linken Hand ihren rechten Arm fest. Der Sinn dahinter: Der Begrüßte sieht beide Hände des anderen, was zeigen soll, dass der nicht etwa ein Messer hinter dem Rücken versteckt oder ihn vergiften will. Benoit erzählt mir, dass das aber eine ganz alte Tradition sei, noch aus den Königreichen, und dass das mittlerweile abnehme. Moderne Burunder geben sich ganz normal die Hand, angefangen in der Politik.
Nach ein paar Minuten in dem Café scheinen wir angenommen zu sein. Der Tisch mit den sechs Burundern neben uns schert sich nicht weiter um uns, sondern führt seine angeregt Diskussion auf Kirundi fort. Ein Straßenkind bettelt am Eingang des Cafés. Ich frage mich, ob ich dem Mädchen eine Cola kaufen und die Pfandflasche einfach aus dem Café mitnehmen kann. Im nächsten Moment ist sie verschwunden. Wieder dieses Gefühl – sie hat Hunger, ich sitze hier und trinke Cola. Ich nehme einen Schluck, als wollte ich meine Gedanken hinunterspülen und beobachte, wie ein Händler sich am Eingang postiert. Er hat Damenschuhe auf dem Arm, fünf verschiedene. Solche sieht man hier oft. Sie laufen durch die Gegend und preisen ihre Ware an. Hier bin ich zum Glück raus. Ich habe kein schlechtes Gewissen, ihm keine Damenschuhe abkaufen zu wollen.
Heimweg und erste Orientierung
Der Heimweg zu Fuß. Die Straße ist eine der schlimmsten Bujumburas. Schlaglöcher en masse – und noch mehr Autos. Gleich hier, neben dem belebten Markt, befindet sich auch der Bustaxibahnhof. Die Bustaxis sind ein Erlebnis. Ausgelegt vielleicht für zwölf Personen, sieht man sie nur fahren, wenn die Insassen wie die Ölsardinen gequetscht sind. Wie viele Burunder nun tatsächlich in einen solchen Bus passen, weiß ich (noch) nicht. Der Anblick ist auf jeden Fall sehr amüsant. Zumindest für diejenigen, die draußen stehen.
Hier, in der Nähe des Markts, ist die Hölle los. Hupen, Motoren, Rufe, Schreie. Ein Theater, unglaublich. Hier kommt wieder einer mit seinen Damenschuhen, dort balanciert ein anderer eine große Schale Bananen auf dem Kopf. Wir werden von Straßenkindern ein Stück begleitet. Durch das, dass wir heute nicht mit dem Auto gefahren wurden, sondern zu Fuß gingen, haben wir schon unsere erste Orientierung. Bank, Post, Markt, einige Geschäfte, Kinderheim und Straßenkinderheim sind kein Problem mehr, das finden wir schon von „Chez André“ aus, dem Restaurant von Verena und Benoit, unserer Unterkunft für die erste Woche.
Fast angekommen bei Verena läuft uns der Schweiß. Das Laufen bergauf und die Schwüle sind eine nicht vorteilhafte Kombination. Uns überholt ein Burunder, der sein mit einem Sack Reis beladenes Fahrrad schiebt…
Abends fahren wir noch mit Verena einkaufen. Vorräte für das Waisenhaus, in das wir morgen ziehen werden. Ich bin echt gespannt, wie das wird. Aber ich muss sagen, ich freue mich hier jeden Tag aufs Neue, aufzustehen und dem neuen Tag entgegenzutreten. Man erlebt hier so viel, man sieht so viel. Es ist beinahe alles spannend. Das einzige, das mich etwas stört, ist, dass man hier zu nichts kommt. Man nimmt sich morgens zehn Sachen vor und bekommt, wenn überhaupt, drei erledigt. Ich kann nicht sagen, woran es liegt. Aber es ist Tatsache. Ich glaube, auch das ist Afrika. Klappt es heute nicht, klappt es vielleicht morgen.
Samstag, 28. Oktober 2006 (8. Tag)
Ich glaube, ich habe etwas vergessen, zu erzählen. Als wir am Donnerstag vor dem Geschäft mit der Gitarre auf Verena gewartet haben, winkte uns plötzlich Benoit von der anderen Straßenseite. Wir hatten ihn gar nicht herfahren sehen. Wir gingen zu ihm hinüber. Er ließ gerade etwas an seinem Auto reparieren. Auf ein Mal fährt hinter uns ein kleiner, weißer Pick up vorbei. Weiße sitzen darin, eine Frau am Steuer, ein jugendliches Mädchen auf dem Beifahrersitz und drei kleinere Kinder auf der Rückbank. „Das sind auch Deutsche“, sagt uns Benoit. Wir zögern keine Sekunde und hüpfen zum Autofenster. „Hallo, wir hörten, Sie sind auch deutsch?!“ fragte ich. Der Frau fiel beinahe das Gesicht herunter. „Ja! Ja! Wahnsinn! Wo gibt’s denn so was? Wo wohnt ihr?“ Den Taxifahrer hinter ihr schien es nicht besonders zu interessieren, was wir zu besprechen hatten. Es blockierte die Straße und das reichte für ihn aus, permanent auf der Hupe zu bleiben. Freundlichkeit hat in Burundi ihre Grenzen – zumindest im Straßenverkehr. Zum Aufschreiben ihrer Telefonnummer reichte es nicht mehr, bevor sich der kleine Stau vor ihr gelöst hatte und der Fahrer hinter ihr kurz vor dem Tobsuchtsanfall stand. Sie rief uns die Nummer zu. Wir sollen sie auf jeden Fall anrufen und vorbei kommen. Das werden wir auch tun.
Heute steht auf dem Programm: Verena und Ursula kommen gegen Mittag. Bis dahin sind wir schon ins Waisenhaus gezogen. Ich bin gespannt auf die Umstellung.
7.58 Uhr. Gerade wundere ich mich, warum heute Morgen kein Verkehr auf den Straßen zu sehen und zu hören ist. Nur ab und an ein Auto, das dann aber so hektisch fährt, als sei es ganz wichtig. Verena erzählt, dass jeden Samstag im ganzen Land – in ganz Burundi – „travaux communautaires“ sei. Das heißt so viel wie Gemeinschaftsarbeit oder Gemeinschaftswesen. Bis 10 Uhr darf hier kein einziger Bürger seinen normalen Tätigkeiten nachgehen, sondern muss etwas Gemeinnütziges tun. Das kann fegen sein, Müll weg bringen oder ähnliches. Nur irgendwie interessiert es keinen. Überall an jeder Ecke stehen Polizisten, die vorbeigehende Passanten dazu anhalten, etwas zu tun. Vor unserem Haus stehen auch zwei. Eine Gruppe Jugendlicher kommt vorbei. Natürlich sagen ihnen die Polizisten, sie sollen die abgefallenen Blätter des Mangobaums hier zusammen sammeln. Aber was tun die Kids? Sie setzen sich an die Straßenecke und verschränken die Arme. Zwingen kann sie nämlich keiner. Vergangene Woche aber, erzählt Verena, hätten die Polizisten eine Gruppe Frauen angehalten, die ihre Waren auf dem Kopf runter zum Markt tragen wollten. Durften die Frauen aber jetzt nicht – und so mussten sie sich an den Straßenrand setzen und bis 10 Uhr warten.
Benoit hat heute schon recht früh das Haus verlassen. Verena erzählt, dass er nachschauen geht, ob die Regierung ihrer Abmachung auch nachgeht. Wie schon mehrmals erwähnt, sind die Straßen in Bujumbura die Hölle. Direkt vor dem Präsidentenhaus ist das aber besonders der Fall. Da Benoit das auf die Nerven geht – wenigstens dort sollte es nach etwas aussehen – spendete er den Beton für den Straßenabschnitt. Jeder etwas wohlhabendere Bürger sollte sich mindestens ein Mal in einer solchen Weise engagieren. Benoit tut es hiermit. Jetzt schaut er nach, ob die Verbesserungsarbeiten für die Straße schon begonnen wurden. Ich glaube, Benoit hat ziemlich viel Einfluss und Freunde mit viel Einfluss. Allein, dass die beiden ehemaligen Minister für Finanzen und Verteidigung hier im Restaurant ein- und ausgehen, heißt ja schon was. Ach ja, der aktuelle Jugend- und Sportminister wird demnächst auch zur Verwandtschaft gehören. Seine Tochter heiratet einen der Söhne Verenas und Benoits.
8.26 Uhr. Vor dem Tor tummeln sich die Leute. Sie werden von den Polizisten nicht durchgelassen, ehe sie etwas Gemeinnütziges tun. Einer hat schon mit einem Palmblatt gefegt. Die anderen scheinen sich zu weigern. Das bedeutet, warten bis 10 Uhr.
Neuigkeiten aus Burundi (II)
Oktober 27, 2006
Fortsetzung Mittwoch, 25.10.2006
Abends sind wir vier zum ersten Mal los, ein Internetcafé suchen. Man darf sich das aber beim besten Willen nicht wie eines in Deutschland vorstellen. Für burundische Verhältnisse natürlich sehr modern. Es ist ein Raum, in dem ca. zehn Computer stehen. Übertragungsrate: keine Ahnung. Auf jeden Fall so schnell/langsam, dass ich für fünf Mails beinahe eine Stunde brauchte. Nicht etwa, dass nur die Verbindung etwas langsam wäre, hinzu kommt auch, dass plötzlich mal der Strom weg sein kann – und man von vorne beginnen darf. Größtes Übel ist aber die völlig unterschiedliche Belegung der Tastatur. Umlaute gibt es nicht – das war klar. Aber auch die Anordnung der Buchstaben ist eine andere, da die Tastaturen eines jeden Landes ja so ausgelegt sind, wie oft der jeweilige Buchstabe verwendet wird. Auch Punkt, Komma, Ausrufezeichen und andere Satzzeichen liegen an anderen Stellen. Günstig hingegen sind die Preise. Für etwas mehr als eine Stunde habe ich 1.300 FB bezahlt, das ist etwa ein Euro. Habe einige Mails bekommen, die mich allesamt sehr freuten. Ich vermisse die Heimat schon…aber es geht mir gut. Mutter, Oma: Ich freue mich, dass es euch gut geht. Ihr macht das schon! Ich denke an euch! Meine Jungs: Ich vermisse euch auch. Trinkt ein Bier für mich mit und bleibt sauber…
Fußgänger
Das Laufen am Straßenrand ist nicht ganz ohne. Die Burunder rasen wie die gesengten Säue. Ob mit oder ohne Licht, ist hier grade wurschd. In Deutschland kann man als Fußgänger davon ausgehen, dass gebremst wird, wenn man die Straße betritt. In Burundi hat man damit weit gefehlt. Hier bremst keiner. Fußgänger sind die schwächsten Verkehrsteilnehmer, also müssen sie schauen, wo sie bleiben und wann sie die Straße überqueren können. Nicht ganz leicht, bei den stark befahrenen Straßen. Aber machbar.
Auf Dauer wäre eine andere Möglichkeit des Internetzugangs aber nützlich. Verena hat zwar in ihrem Büro einen Anschluss an die Telefonleitung. Das Problem ist aber dasselbe. Versuchte schon, ihr oben in der Wohnung mit dem Notebook eine Verbindung einzurichten. Uns fehlte jedoch das passende Kabel. Erzählte ich schon? Ich denke…Auf jeden Fall kommt heute ein Elektriker und wir hoffen, dass er uns das passende Kabel besorgen kann. Das Problem liegt darin, dass die burundische Telefondose an der Wand doppelt so groß ist, wie die deutsche.
Für meine journalistische Arbeit und den stetigen Mailkontakt nach Deutschland wäre es aber unbedingt notwendig, dass ich mit meinem Notebook ins Internet könnte. Habe hierauf mein gesamtes Adressbuch, Bilder, etc. Zudem kann ich mit meiner Tastatur wesentlich schneller schreiben, ergo mehr in weniger Zeit schaffen.
Abendessen: Omelette mit Gemüse (Tomaten, Pilze u.a.), Salat und Baguette. Wieder mal sehr, sehr lecker. Wie schon gesagt, Verena weigert sich, uns weniger zu verwöhnen.
Geschichte/Politik
Unterhielt mich heute mit ihr über die Unruhen von 1993/94. Im Oktober 1993 waren die Unruhen zwischen Hutu und Tutsi hier in Burundi. Der Präsident wurde in seinem eigenen Haus ausgebombt. Die Ruine steht noch heute als Mahnmal. Nach zwei Monaten wurde ein neuer Präsident eingesetzt, der schließlich am 6. April 1994 zusammen mit dem Präsidenten Ruandas im Flugzeug über Kigali abgeschossen wurde; der Auslöser für den Genozid in Ruanda. Die Folgen sind ja bekannt. Wer es genauer wissen möchte, sollte sich den Film „Hotel Ruanda“ anschauen. Aber man sollte sich mit starken Nerven vor den Bildschirm setzen…Das Kuriose an dem Abschuss des Präsidentenflugzeugs: Die Leiche des ruandischen Präsidenten landete – zusammen mit der seines Leibarztes – direkt auf seinem eigenen Grundstück. Auf der Garage, um genau zu sein. Ich hielt das erst für eine Geschichte, aber Fotos und Berichte bezeugen es. Dass der burundische Präsident mit im Flugzeug saß, war Zufall. Er schickte seine Minister in einem anderen Flugzeug voraus, weil er noch etwas zu erledigen hatte. Als diese in Bujumbura landeten, hörten sie schon, dass das Flugzeug hinter ihnen abgeschossen worden war.
Donnerstag, 26. Oktober 2006 (6. Tag)
Pläne für heute: Post wegbringen, Konto in der Bank eröffnen, Internet einrichten (wenn das Kabel kommt), dann evtl. ins Kinderheim oder zur Schule.
Das Wetter ist im Moment noch trüb, eine Wolkendecke hängt über uns. Das kann sich hier aber schnell ändern. Entweder kommt jeden Moment ein riesiger Regenguss oder aber der Himmel lichtet sich und die Sonne knallt herunter. Es ist immer schwer abzuschätzen.
Ich habe das Internet zum Laufen gebracht („Il marche!“ – „Es funktioniert!“)!!!!!!!!! Mit Hilfe eines alten Belgiers, der hier in Bujumbura als Informatiker tätig ist. Habe zuvor eigentlich alles richtig gemacht, nur bei der Einwahlnummer ins Internet habe ich anstatt der bloßen Telefonnummer auch die internationale Vorwahl (00257) mit eingegeben. Die sollte ich weglassen. Jetzt kann ich von „zu Hause“ aus arbeiten. Das macht vieles einfacher – und manches erst möglich. Verena freute sich auch darüber, weil ich ihr auch gleich den Laptop einrichtete, sodass sie auch mal oben arbeiten kann und nicht immer in den Keller ins Büro muss.
Machte noch Bekanntschaft mit einem Elektriker. Michael. Er brachte mir mal eben die Zahlen eins bis zehn auf Kirundi und Kisuaheli bei. Kostprobe?
Kirundi (1 bis 10): umwe, ibiri, itatu, ine, itamu, itandatu, indwi, umunani, icenda, icumi.
Kisuaheli (1 bis 10): mwaka moja, myaka mbili, myaka tatu, myaka ine, myaka tamo, myaka sita, myaka saba, myaka munane, myaka tisa, myaka kumi.
Einige Parallelen erkennbar, nicht? J
Kisuaheli wird hier in der Hauptstadt auch gesprochen. Es ist ja die Handelssprache ganz Ostafrikas.
13.38 Uhr. Waren gerade zu Fuß unterwegs. Gegenüber des Internetcafés, in dem wir gestern waren, sind einige Holzhüttchen, in denen afrikanisches Allerlei verkauft wird. Schmuck, Spiele, Instrumente (Trommeln), Souvenirs, Schuhe. Auch solche schönen, aus Holz geschnitzten Figuren, die es bei uns für ein Schweinegeld zu kaufen gibt. Und Holzohrringe, im afrikanischen Stil. Kosten: 2.000 FB, das sind nicht mal zwei Euro. Plötzlich hat es angefangen, zu regnen. Ich habe die Frau des einen Lädchens gefragt, ob ich ihr helfen kann, das Zeug, das draußen stand, in die Hütte zu tragen. Ich half ihr und sie fand es urkomisch. Ich denke, es kommt nicht so oft vor, dass sich ein „Muzungu“ („Weißer“) „herablässt“, bei so was zu helfen. Aber…warum nicht?! Na ja. Jetzt habe ich ihr geholfen und zugleich noch zu ihrer Belustigung beigetragen. Gerne wieder J
Cannelloni und der burundische Arbeitstag
Verena hat sich ein Mal mehr nicht davon abbringen lassen, uns ein besonderes Mittagessen servieren zu lassen. Cannelloni mit Tomatensauce. Es ist unglaublich. Ich glaube, sie hat die burundische Gastfreundschaft, dem Neuen, Ankömmling oder Gast nur das Beste zu geben, das man hat, total verinnerlicht. Widerspruch hat kein Erfolg.
Zu erwähnen ist, dass der Tag hier in Burundi zwei Teile hat. Aufgestanden wird in der Regel um 6 Uhr („Zur ersten Stunde“), weil hier die Sonne bereits aufgegangen ist. Gearbeitet wird ab 7 Uhr – auf den Straßen ist schon ein heftiges Treiben zu beobachten. Burunder wie „Muzungu“ laufen die Straßen entlang. Die einen, um in ihr klimatisiertes Büro zu kommen, die anderen, um eventuell Arbeit zu finden oder ihre Ware auf der Straße zu verkaufen. Es gibt aber auch genügend reiche Burunder. Nicht selten sieht man einen schön rasierten, nach Aftershave duftenden stolzen Hahn, der sich mit seinen goldenen Siegelringen, penibel gebügeltem Hemd und hellen Stoffhosen brüstet. Oder eine parfümierte und geschminkte Dame in Stöckelschuhen, aufwändig frisiert, mit bunten Kleidern und Handtäschchen mit Goldkordel.
Zurück zum Arbeitsleben der Burunder. 6 Uhr aufstehen, 7 Uhr arbeiten. Aufgrund der Hitze wird hier meistens eine lange Mittagspause eingelegt. Etwa von 12 bis 15 Uhr. Der zweite Arbeitsteil des Tages endet schließlich um 18 Uhr, weil es dann bereits stockdunkel wird. Die ärmeren Straßenverkäufer freilich können sich die lange Mittagspause nicht erlauben. Sie müssen schauen, dass sie ihre Ware verkaufen, wenn ihre Familie am kommenden Tag etwas zu essen haben soll.
Die schwer bewachte Bank
Im zweiten teil unseres sechsten Tages in Burundi haben wir in der Finalease Bank ein Konto eröffnet. Alle vier zusammen, dass jeder eine Sicherheit hat. Die Bank ist noch recht neu, eröffnet vor etwa einem Jahr. Benoit, Verenas Mann, macht dort auch seine Geschäfte und meint, es sei die beste Bank Burundis. Wir glauben ihm. Tatsächlich macht das Gebäude und die Mitarbeiter darin einen seriösen Eindruck. Dennoch sind es Zu- und Umstände, die in Deutschland undenkbar wären. An der Kasse, während zwei Burunder ihr gerade erhaltenes Geld zählen, komme ich zur gleichen Zeit an die Reihe, um mein Geld einzuzahlen. Diskretion ist hier ein Fremdwort. In diesem Fall ist das aber egal. Wer sich in der Bank aufhält, hat Geld – und Burunder zeigen das, wie schon erwähnt, nur zu gerne. Vor dem Gebäude ist ein Polizist stationiert.
Man darf sich burundische Polizisten nicht wie unsere Ordnungshüter vorstellen. Sie tragen eine ganz blaue Uniform – könnte an einen Blaumann erinnern –, dazu ein Barett und schwarze Stiefel. Außerdem haben sie den finstersten Blick, den man sich vorstellen kann und um die Schulter baumelt jederzeit griffbereit das Sturmgewehr AK 47, eine Kalaschnikow. Manchmal ist es einem nicht ganz geheuer, wenn man vor einem solchen Gewehrlauf vorbei geht. Von den Soldaten, die man auch hin und wieder zu Gesicht bekommt, unterscheiden sich die Polizisten lediglich in der Farbe der Uniform. Bei den Militärs ist es eben eine Tarnuniform an Stelle des Blaumanns. Und manchmal ist das Maschinengewehr noch etwas größer und furchteinflößender.
Beinahe suspekt erscheint es einem, wenn man einen solchen Uniformierten lachen sieht. Ich habe mir erklären lassen, dass sich diese Jungs wie die Helden fühlen, als etwas Besseres, sobald sie ihre Dienstkleidung tragen. Soldaten und Polizisten meinen, sie können tun und lassen, was sie wollen. Das beginnt bei der Fahrweise (wer fährt zuerst?) und endet bei der Behandlung ihrer Landsleute. Sieht man dann einen Soldaten oder Polizisten einmal lächeln, ein pechschwarzes Gesicht mit strahlend weißen Zähnen, ist das ein Bild zum Schmunzeln. Aber auch zum Nachdenken. Es sind teilweise junge Männer, noch jünger als ich. Sie haben Glück, denn sie sind vom Staat angestellt, haben einen Job und somit Gehalt. Und sie haben Macht. Zwar oft nur auf eine Straßenecke beschränkt, aber jeder einzelne hat sie. In welcher Form und ob er sie einsetzt, sei dahingestellt.
Vor dem Markt
Im Anschluss muss Verena zur UNICEF, etwas abklären – weil doch „unsere“ Trommler nach Äthiopien eingeladen werden. Wir schauen derweil in einem kleinen Geschäft nach Gitarren, die wir für den Musikunterricht in der neu gebauten Schule benötigen. Sobald man vor den Schüler das Wort Gitarre nur erwähnt, bricht lautstarker Jubel aus. Dieses Instrument spielen zu können, scheint hier hoch angesehen – und sehr selten. Ich ärgere mich, dass ich das meiste verlernt habe. Aber als ich Julias Gitarre in die Hand nahm, merkte ich, dass ich es schnell wieder lernen kann. Das mit dem Musikunterricht in der Schule ist jedoch fix und ausgemacht. Entweder beginnen wir schon kommende Woche oder die darauf.
Zurück zum Markt. In dem Geschäft, in dem wir waren stapelt sich die Ware. Hier verkauft jeder ungefähr alles. Am Eingang überragen mich drei aufgestapelte Stromgeneratoren, kurz dahinter bleibe ich am Lenker eines kitschig giftgrünen Kinderfahrrads hängen. Rechts die Glastheke, in der sich ebenfalls allerlei Brauch- und Unbrauchbares stapelt, hinter der der erwatungsvolle Ladenbesitzer mit seinen Angestellten steht. Links Ware – welcher Art auch immer. Wer keinen Lagerraum hat, muss eben den Platz nutzen, den er zur Verfügung hat. Und das ist in den meisten Fällen die Verkaufsfläche. Wir bahnen uns unseren Weg auf dem etwa 50 Zentimeter breiten Gang. Zwei Mal links um die Ecke abgebogen, sehen wir die einzige Gitarre des Ladens. Verstaubt, an zwei Stellen geklebt und mit einem Abstand der Saiten zum Klangkörper von etwa fünf Zentimetern. Außerdem klingt sie, wie man sich Oskars Blechtrommel in Günther Grass’ Roman vorstellt. Der kleine Mann mit den gelbschwarzen Zähnen will 200.000 FB dafür. Etwa 200 Euro. Wir kaufen nicht. Morgen will er uns bessere Qualität zeigen. Wir sollen wieder kommen.
Vor dem Geschäft bleiben wir einige Minuten stehen, um auf Verena zu warten, die uns hier mit dem Auto wieder abholen wollte. Da es den Mädels jedoch zu bunt wird, von jedem der Ladenbesitzer und älteren Jugendlichen angestarrt zu werden, wechseln wir die Straßenseite. Es ist aber nicht nur so, dass etwa blöd geglotzt wird. Manche schmunzeln auch nett und sagen, wie schön die drei doch seien. Das ist dann nett gemeint.
Der kleine Gauner
Auf der anderen Seite ist eine etwas größere Verkehrsinsel mit Büschen, einer Sitzbank und wieder jeder Menge Menschen. Es dauert keine Minute, da kommt eine kleine Truppe Kinder auf uns zu. Einer fängt an zu betteln, die anderen – ich nehme an, seine Geschwister – halten sich zurück. Der kleine Junge wiederholt immer wieder, dass seine Mutter und sein Vater tot seien und seine kleine Schwester, die er fürsorglich auf dem Rücken trägt, Hunger habe. Immer und immer wieder. Es ist schwer, nichts zu geben, wenn einen zehn schöne dunkle Augen anstarren. Augen von kleinen Geschöpfen, die in zerfetzten Klamotten und barfüßig vor einem stehen, deren ganzer Besitz ein zerfletterter Plüschhund zu sein scheint.
Aber dann passiert etwas, das einen zugleich aufatmen und entsetzen lässt. Ein Mädchen, ich denke in meinem Alter, kommt über die Straße zu uns herüber und streichelt dem Jungen über den Kopf. Danach geht sie ein paar Meter weiter und bleibt dort unter einem Schatten spendenden Busch stehen, auch sie trägt ein noch kleineres Baby auf dem Rücken. Wir fragen den Kleinen, wer das sei. Seine Mutter. Der kleine Gauner! Alles also eine Masche. In diesem Moment fällt mir ein, dass ich den gleichen Spruch schon einmal gehört hatte. Von zwei Jungs an einer Tankstelle. Aber ich muss schmunzeln. Und ich freue mich, dass seine Mutter ihn zu sich ruft. Nicht etwa, dass wir unsere Ruhe haben. Sondern aufgrund der Tatsache, dass sie noch lebt.
Supermarkt
Wir gehen auf dem Weg zum Auto noch schnell in einen kleinen Supermarkt. Hier bekommt man beinahe alles, was es auch bei uns zu kaufen gibt. Nur eben zu anderen Preisen. Eine Packung O.B. beispielsweise für umgerechnet zwölf Euro. Duschgel und Hautpflege von Nivea, L’Oreal und Co. – alles nicht unter acht Euro. Pringles-Chips, importiert aus Dubai, für etwa drei Euro, was noch preiswert ist. Nimmt man nun an, dass sich in diesem Geschäft nur Weiße aufhalten, hat man weit gefehlt. Wenn man aber genauer hinsieht, die westlichen Importgüter etwas beiseite schiebt, findet man auch Duschzeug „fabriqué en Burundi“. Das hat dann etwa den Preis, den wir in Deutschland für Axe, Duschdas usw. bezahlen.
Schon wartet die nächste Flut von Gedanken auf mich. Ich kaufe mir ein Päckchen Kaugummi für 150 FB. Zur Erinnerung: Ein Euro ist umgerechnet 1.320 Burundi-Franc. Ich bezahle an einer der drei Kassen bei den Frauen mit dem Supermarkt-Kleidchen. Da sehe ich schon am Eingang einen Bettler auf der Erde sitzen. Beim Hinausgehen gebe ich ihm die 100 FB, die ich gerade als Rückgeld erhalten habe. Sollte ich ihm mehr geben? „Nein“, meint Verena. Es ist wirklich schwer, denn wenn man das Elend sieht, möchte man mehr geben. Man hat es ja eigentlich…aber man kann nicht jedem, der es hier benötigen würde, so viel Geld geben, wie man gerne möchte. Es würde nicht lange dauern, bis man selbst nichts mehr hat – und dann ist es vorbei mit dem anderen helfen wollen. Wieder rufe ich mir den Rat zurück ins Gedächtnis, der uns mehrmals gegeben wurde: „Denke zuerst an dich, denn nur wenn es dir gut geht, kannst du anderen überhaupt erst helfen!“ Leichter gesagt, als getan – zuerst an sich denken. Ich stelle mir die Frage, ob ich denn jetzt wirklich diese blöden Kaugummis haben musste und dem armen Mann nicht 250 FB hätte geben sollen. Diese Situation wird uns noch mehrmals begegnen.
Wie aus dem Reisekatalog
Abends lädt uns Benoit auf ein Getränk in eine Bar ein. Die Bar gehört zu einem Hotel, dessen Zimmer 100 Dollar pro Nacht kosten. Es sieht aus wie im Reisekatalog. Eine runde, kleine Bar, mit lächelnden Kellnern dahinter, zwei Männer, eine dicke Frau mit sympathischer Zahnlücke. Darum herum entdeckt man weiter hinten einen kleinen Pool. Auffallend ist die große, frisch grüne Wiese, akkurat gemäht und gepflegt. Dazwischen sandige Inseln mit ein oder zwei Palmen. Am Rande des Pools stehen zwei große, unserem Storch ähnliche Vögel, auf einem dürren Bein. Ihr Kopfschmuck erinnert an Sonnenstrahlen, ihr Blick ist starr und durchdringend. Sie fauchen, wenn man ihnen zu nahe kommt.
Nach einigen Metern endet das Hotelgelände an einer niedrigen, weiß gestrichenen Mauer. Dahinter verläuft noch eine Straße, dann kommen Dickicht und Büsche, danach der Tanganyikasee. Wir hören es planschen. Könnten Alligatoren sein. Wir gehen aber zurück zur Bar, die Moskitos scheinen uns vollständig auffressen zu wollen.
Die Mauer
Auf der Rückfahrt zu unserem Haus sehen wir wieder ein Wohnhaus, das uns tagsüber schon einmal aufgefallen war. Es hat eine Mauer um das Grundstück – zur Stärkung des Hauses, wie uns Verena erklärt. Der Boden an dieser abschüssigen Ecke sei sehr labil, das Grundwasser habe schon einmal die gesamte Straße hoch gedrückt. Und dass das nicht mit seinem Haus passiert, hat der reiche Burunder eben eine fast einen Meter dicke Wand hoch gezogen. Der Besitzer habe einige zeit in Frankreich gelebt, einen Haufen Geld gemacht und throne nun hier in seinem kleinen Palast. Unter den Einwohnern Bujumburas sei er nicht besonders beliebt.
Wir dachten also erst an Vandalismus, als wir sahen, dass ein ganzes Stück der Mauer zusammengefallen war. Ein einziger Haufen Schutt. Verbrechen? Neid? Hass? Weit gefehlt. Der Besitzer des Hauses hat nämlich – wohl wissend – auf einer Wasserleitung gebaut. Und genau an dieser Stelle, an der nun die Mauer fehlt, muss ein Rohr ersetzt werden. Also hat das Wasserwerk Bujumburas schlichtweg einige Mitarbeiter und eine Maschine geschickt, die die Mauer einrissen. Ohne Vorwarnung, ohne Kompromiss. So läuft das hier. Wenn ich mir vorstelle, dass in Deutschland beinahe um jeden Grashalm – wenn möglich, auch noch vor Gericht – gestritten wird…
Freitag, 27. Oktober 2006 (7. Tag)
Auf dem Plan stehen der erneute Gang zur Bank, der eventuelle Kauf von Gitarren – vorausgesetzt, der Händler liefert wirklich gute Qualität zum angemessenen Preis – und ein paar weitere organisatorische Dinge. Außerdem müssen wir Lebensmittel einkaufen, da wir ja morgen ins Kinderheim einziehen werden. Ich bin gespannt auf die Umstellung – nur kaltes Wasser (wenn überhaupt), Strom in Rationen und genügsamere Mahlzeiten.
Morgen kommen Martina (Vorstand burundikids e.V.) und Ursula (Fotografin). Wir freuen uns auf das Wiedersehen und sind gespannt, was wir gemeinsam hier auf die Beine stellen können, das wir vier dann in den kommenden Monaten fortsetzen werden. Die erste Woche und somit die Eingewöhnungsphase sind zu Ende. Jetzt beginnt der Ernst des burundischen Lebens auch für uns. Die Arbeit wartet, die Ideen sind da, jetzt gilt es, anzupacken und sie eine nach der anderen umzusetzen.
Ach ja. Falls sich bei manchen die Frage stellt: „Ja, was fehlt denn nun in Burundi? Was können die Menschen, insbesondere die Kinder, gebrauchen?“ Das lässt sich schnell und einfach beantworten: alles. Angefangen bei Schulheften, Schreibmaterialien (es wird oft „trocken“ gelernt, also ohne jegliche Utensilien, nur der Lehrer vorne und die Schüler hinter ihrer spärlichen Holzbank); Kleidung, Babyspielsachen, Büromaterialien, technische Geräte (Computer, Fax, Schreibmaschine), Tacker, Locher, Büroklammern, Klarsichtfolien. Alles Dinge, die bei uns selbstverständlich in der Schublade liegen oder auf dem Schreibtisch stehen. Und falls nicht, reicht der schnelle Gang in den Schreibwarenladen und man hat es. Hier fehlt es oft schon an der Schublade, in der eine Klarsichtfolie liegen könnte. Geschweige denn, eine Schreibmaschine auf dem Tisch – undenkbarer Luxus.
Hier wird alles weiter verwertet. Die großen Fünf-Liter-Kanister, aus denen wir unser Wasser trinken, werden selbstverständlich aufgehoben – jeder einzelne. Das ist nur ein kleines Beispiel für eine Vielzahl von Ideenreichtümern, die die Armut den Menschen fast schon aufzwingt.
Nachrichten aus Burundi
Oktober 25, 2006
20.10.2006 Abflugtag, Frankfurt am Main
Der Abschied schien für die von uns Zurückgelassenen schwieriger zu sein als für uns selbst. Lenas Schwester, Lisa, hatte bereits kurz nach der Ankunft am Flughafen Tränen in den Augen. Meine Mutter hatte sich die ganze Zeit vorgenommen, nicht zu weinen, konnte aber beim endgültigen Abschied, der Personenkontrolle, die Tränen nicht zurückhalten. Auch mein bester Freund, Mattes, der spontan mit nach Frankfurt gefahren war, hatte wässrige Augen.
Ich selbst – und die Mädels anscheinend auch – waren wie in Trance. Wir weinten nicht. Wir fühlten uns, als flogen wir in den Urlaub. Es war uns – und ist irgendwie nach wie vor – nicht, als würden wir hier in Bujumbura ein ganzes Jahr bleiben. Ich bin gespannt, wann die Zeit kommt, in der wir uns das erste Mal nach zu Hause sehnen.
Zurück zum Flug. Der Abflug in Frankfurt war ursprünglich auf 23.55 Uhr angesetzt. Hatten ungefähr eine halbe Stunde Verspätung. Ist ja immerhin auch eine afrikanische Fluggesellschaft (Ethiopian Airlines). Nach etwa acht Stunden Flug, die uns sehr kurz vorkamen, erreichten wir Addis Abeba (Addis Ababa) in den Bergen Äthiopiens. Hier ging unser Weiterflug nach Kigali, Ruanda, etwa eineinhalb Stunden später, als angesetzt. Wir merkten schon, wie waren in Afrika. Hier ticken die Uhren anders. Apropos, hier war eine Stunde Zeitverschiebung. Auf unseren Uhren war noch die deutsche Zeit (bei Abflug nach Kigali 10.30 Uhr), hier war jedoch schon 11.30 Uhr. Bis dato wollte übrigens noch kein Mensch unseren Pass sehen – nur der deutsche Zollbeamte in Frankfurt. In Addis mussten wir nur unser Ticket für den Weiterflug zeigen und die Sache war gebongt. Mittlerweile haben wir den 21.10.2006.
Bayrische Brotzeit
Der Flug nach Kigali, Ruandas Hauptstadt. Dauer: drei Stunden. Kurzer Aufenthalt, die Ruander steigen aus, ein Staubsaugertrupp stürmte das Flugzeug, schüttelte die Kissen aus und verschwand wieder. Hatten in Addis Abeba auch einen deutschen Arzt kennen gelernt, der uns ansprach, als er merkte, dass wir auch deutsch sprachen. Er ist ein Chirurg aus Kaiserslautern und flog gerade zu seinem Projekt, einige Kilometer außerhalb Kigalis. Er gründete die Schule mit Krankenhaus, etc. 1989, fliegt zwei Mal im Jahr mit einem Trupp von Ärzten hin und operiert die Leute. „Krankenhaus Ruanda e.V.“ oder so heißt das Projekt. Müsste im Internet zu finden sein. Auf jeden Fall eine interessante Begegnung!
Das wohl kurioseste Erlebnis war das Essen zwischen Addis Abeba und Kigali. Nicht etwa die Qualität. Sondern die amüsante Tatsache, dass sich neben dem Brötchen auf dem Tablett eine Schmelzkäsezubereitung befand, auf der stand: „Bayrische Brotzeit“!!!
Mit Verspätung ging es also von Kigali weiter nach Bujumbura – unser Ziel. Das Flugzeug war ziemlich leer, ein einer Reihe mit drei Sitzen saß höchstens eine Person. Nur ich hatte das Glück, neben einer Burunderin zu sitzen. Es war sehr witzig, unsere Unterhaltung bestand aus einem Kauderwelsch aus Deutsch, Englisch, Französisch und Kirundi. Es war aber eine etwas wohlhabendere Burunderin. Die Haare waren etwas länger, geflochten, sie war geschminkt und hatte Stöckelschuhe an. Genauso wie ihre Freundin, die eine Reihe vor uns saß. Eine richtige „Mama“, wie man sie aus den Filmen kennt J Wenn sich die beiden mit ihren verräucherten Stimmen in einem Mischmasch aus Kirundi und Französisch unterhielten, war das sehr, sehr amüsant und interessant – der Versuch, etwas zu verstehen erwies sich jedoch als gänzlich sinnlos.
Ankunft in Bujumbura
Beim Anflug auf Bujumbura, Burundis Hauptstadt mit etwa 400.000 Einwohnern, sahen wir den verschlungenen Fluss Ruzizi. Wie auch schon über Kigali durchfuhr mich ein komisches Gefühl. Wenn man die große Stadt unter sich sieht, die Hütten, Menschen, Autos…und dann bedenkt, dass hier vor zehn Jahren mehrere Hunderttausend Menschen den Tod fanden, regt das zum Nachdenken an. Nun gut, wir kamen heil auf Burundis einziger Landebahn an, das Flughafengebäude sieht genauso aus, wie wir es von Bildern kannten. Es erinnert von seiner Bauweise an die Oper im australischen Sydney. Etwa 30 Grad Celsius, ein sehr heißer Wind und eine Schwüle wie in den Tropen. Die Regenzeit steht unmittelbar bevor und ist laut Verena überfällig. Die Ernte hängt davon ab…und da Burundi auf dem „Welthunger-Index“ sowieso schon an letzter Stelle steht, ist sie umso wichtiger…
Kaum waren wir aus dem Flugzeug, standen schon Verena, unsere „Mutti“ hier in Burundi, und ihr Mann Benoit am Gebäudeeingang, um uns zu empfangen. Da unser Flug ja eine Stunde Verspätung hatte, waren sie schon eine Weile da. Außerdem überraschte uns die ganze Horde von Angestellten der beiden, die sich sofort um unser Gepäck kümmerten. Wie die Ameisen stürzten sie sich darauf und verfrachteten es – nach kurzem Scan am „Sicherheitsschalter“ – in den Kleinbus, der darauf etwas tiefer lag J
Wir selbst füllten gleich als erste Tat in Burundi einige Formulare aus, um unsere Visa zu erhalten. Bezahlt haben wir auch gleich. Zum Glück regelte das Benoit – wenn es um Behörden und Formelles geht, sollte man das (zumindest anfangs) einen Burunder klären lassen, der diskutieren kann und die „Eigenheiten“ dieser Schlitzohren kennt, die sie nun mal ohne Frage sind. Das Beste: Das Visum kostet 40 pro Nase. Ja, was 40? Das ist der Witz. Ob Dollar oder Euro ist grade egal. Ein Glück hatten wir alle Dollar dabei, das Visum kam uns also billiger. Wir sind in Afrika!
Autofahrt
Die Fahrt vom Flughafen zu Verenas Haus war gleich ein Abenteuer. Lena, Marie und Julia fuhren mit Benoit im PkW, ich fuhr mit Benoits Chauffeur, Ali, im Kleinbus und den Koffern. Die Frage nach Links- oder Rechtsverkehr hat sich schnell erledigt. Burunder fahren dort, wo es Platz und keine Schlaglöcher hat. Das sind aber nicht etwa Schlaglöcher, wie wir sie aus Deutschland kennen und uns über die Mini-Dinger aufregen. Es sind Schlaglöcher, bei denen jeder Stoßdämpfer aufheult. Oder andere haben eine Dimension, in die man besser nicht hineinfährt – wenn man noch weiterfahren möchte.
Das Wichtigste an einem burundischen Auto ist die Hupe. Gebremst wird mit dem Kleinbus nicht – es sei denn, die Uno kommt mit einem LkW. Fahrräder, Fußgänger, Mofas oder normale PkW müssen aber zusehen, dass sie Land gewinnen. Am Straßenrand tummeln sich viele Menschen, die zu Fuß gehen, ihre Langhornrinder treiben oder einfach nur dasitzen. Wir werden übrigens von jedem angeguckt, als wären wir Außerirdische. Merkwürdig ist es schon, aber nicht unbedingt unangenehm. Wir hatten ja damit gerechnet.
Mein erster Eindruck aber: Auto fahren werde ich hier mit Sicherheit nicht. Das Problem: Vor allem nachts lebt man als Fußgänger nicht weniger gefährlich. Die Fahrweise ändert sich nämlich bei Dunkelheit nicht. Nur eben jetzt ohne Licht. Und da die Menschen hier nun mal schwarz sind, sieht man sie meistens erst dann, wenn sie auf einem drauf hängen – oder hupen.
Wie im Hotel
In Verenas Haus machten wir erst einmal große Augen. Wir fühlten uns wie im Hotel. Unten befindet sich das Restaurant (Speisekarte europäisch, hauptsächlich griechisch; hier essen beinahe ausschließlich Europäer, UN-Leute und reiche Burunder – wie Minister, Botschafter, etc.). Habe übrigens gleich am zweiten Tag den ehemaligen Finanz- und Verteidigungsministern die Hand geschüttelt, die gerade ihr Bier an der bar tranken.
Die Treppe rauf geht es zur Wohnung von Verena und Benoit. Man steht in einem großen Studio, dem Wohnzimmer. Hier gehen Türen ab zu vier Zimmern, einem Bad und einem großen Balkon. Lena und ich haben ein Zimmer zusammen, Marie und Julia jeweils ein eigenes. Das vierte Zimmer ist das Schlafzimmer von Verena und Benoit.
Nachdem wir unsere Zimmer bezogen haben, bekamen wir erst mal was zu essen. Wir sagten, wir hätten gerne nur eine Kleinigkeit (weil wir die ganze Zeit nur gesessen hatten und gegessen). Aber was kam: Rinderbraten, Pommes, Kartoffeln, Reis, Gemüse, Fisch (aus dem Tanganyikasee). Also doch gleich wieder ein Festmahl. Hier werden wir die erste Woche bleiben, um uns zu akklimatisieren, an alles zu gewöhnen und dass wir immer einen Ansprechpartner haben.
Kinderheim
Im Anschluss schauten wir gleich mal im Kinderheim vorbei. 56 Kinder sind hier, Jungs und Mädchen. Schon einige Meter vor dem Tor erkannte uns Emanuel. Natürlich hatte sich bei den Kids rumgesprochen, wer kommen wird. Emanuel ist ein kräftiger Junge, 14 Jahre alt – und ein kleines Schlitzohr, wie Verena meinte. Man merkt es ihm auch an.
Wir haben als kleine Geste gleich eine Tüte mit Süßigkeiten und Luftballons mitgenommen. Das Vorhaben jedoch, alles gleichmäßig und in Ruhe zu verteilen, hatte sich schnell erledigt. Julia war umringt von den Kindern, die riefen und ihre Hände ausstreckten. Die Kleinen, das tat einem richtig leid, standen weiter hinten. Wer stark und groß ist, bekommt hier mehr, weil er sich durchsetzen kann. Julia wurde es gleich zuviel und drückte mir die Tüte in die Hand. Das war für die meisten der Anlass, sich gegenseitig zu schubsen und sich selbst aus der Tüte zu bedienen. Da ich aber glücklicherweise etwas größer bin als alle Kids, ist es nicht ganz außer Kontrolle geraten. Wenn man das so nennen kann. Es ist traurig und hört sich hart an, aber es ist beinahe schon wie eine Raubtierfütterung. In Zukunft muss das anders, besser organisiert ablaufen. Denn wir müssen darauf achten, dass auch die Kleinen etwas abkriegen. Égalité – Gleichheit ist das Stichwort.
Danach flogen die Luftballone, andere fanden es witzig, die Luft aus den Ballonen wieder herausprusten zu lassen und alles schmatzte vergnüglich an den Gummibärchen und Bonbons.
Jetzt hatten wir Zeit, die Räume des Heims anzuschauen. Voraussichtlich unser Domizil ab nächster Woche. Drei Gebäude befinden sich auf dem Gelände, ein Häuschen für die Jungs, eines für die Mädchen und eines mit Büro – und den Zimmern für uns. Wasser und Strom sind die wertvollsten Güter. Strom wird hier grundsätzlich ab 23 Uhr abgestellt – in der gesamten Stadt. Außerdem wird er rationiert, was heißt, dass die Viertel abwechselnd den ganzen Tag keinen Strom haben. Mit dem Wasser ist es ähnlich. Manchmal gibt es im Kinderheim gar kein Wasser. Manchmal kommt es aber zwischen 3 und 4 Uhr nachts, dass die Heimleiter dann schnell alle Tonnen und Töpfe mit Wasser füllen müssen, ehe es wieder abgestellt wird. In Verenas Haus gibt es aber immer Wasser – nur der Wasserdruck variiert zwischen deutschem Standard und Tröpfcheninfusion. Strom hat Verena auch immer (bis 23 Uhr), wenn er kurzzeitig ausfällt, wird der Generator eingeschaltet.
Das Kinderheim ist sehr rustikal. Am kommenden Freitag werden Martina (Wziontek) und Ursula (Meissner) kommen, weil es einiges zu erledigen gibt. Sie bleiben vier Tage, in dieser Zeit wohnen Lena, Marie, Julia und ich auf jeden Fall im Kinderheim. Was danach passiert, ist offen. Benoit, Verenas Mann, beharrt darauf, dass wir dann wieder zu ihnen ins Haus kommen. Verena sagt aber, dass wir das selbst entscheiden sollten. Es gab deswegen beinahe schon Streit zwischen den beiden. Naja, sagen wir mal, eine angeregte Diskussion. Wir werden sehen. Wir ziehen in das Heim ein, schauen und entscheiden dann. Ich denke aber schon, dass wir dort bleiben werden. Das ist ja eigentlich das, was wir wollten. Auch wenn es in Verenas Haus auch schon eine Umstellung ist, bleibt es dennoch viel (zu viel?) Luxus.
Barfuß in Afrika
Die Kinder im Heim sind alle Bahrfuß. Das Gelände ist aber ziemlich steinig. Schuhe sind Mangelware und einfach nicht erschwinglich. Das ist das erste, was mir auffiel, was hier gebraucht wird. Und Fußbälle. Der Sport ist oft die einzige Möglichkeit, sich die Zeit zu vertreiben. Der Ball ist jedoch nur ein Stück Leder, das von den letzten Nähten zusammen gehalten wird. Auch hier fehlt es an Geld. Die Spenden werden – logischer Weise – für das Lebensnotwendige eingesetzt – und das ist die Nahrung für die Kinder. Die Kleider sind löchrig, schmutzig – viele haben nur eine Unterhose und ein Shirt an. Die Blicke sind oft traurig und gehen direkt ins Herz. Wir hoffen, sie ab und zu zum Lachen bewegen zu können. Beim ersten Zusammentreffen klappte das schon ganz gut. Sie fanden witzig, wie wir heißen, wie wir aussehen und wie wir sprechen. Gemischte Gefühle…
Unser Gefühl nach dem ersten Tag (Ankunftstag) war gemischt. Zum einen waren wir sehr froh, endlich da zu sein. Auf der anderen aber waren wir nun 48 Stunden wach, sehr erschlagen, müde und angestrengt. Das Getümmel im Kinderheim hatte uns dann den rest gegeben. Es war schön, keine Frage – nur nach der anstrengenden Reise schwerer zu verarbeiten. Wir waren schließlich lange umringt, wurden zig Male nach unserem Namen gefragt, was wir hier tun, wie alt wir sind, wie lange wir bleiben, ob wir verheiratet sind und und und. Die Antworten kamen auf Kirundideutschfranzösischenglisch. *lach*
Abends hatten wir keinen großen Hunger. Es gab einen Teller mit Käse (aus dem Kongo) und Oliven. Ich habe die schwarzen Dinger probiert – und sie haben tatsächlich geschmeckt. Lange habe ich versucht, mir das Olivenessen drauf zu bringen. Anscheinend musste ich erst nach Burundi fliegen, um Gefallen bzw. Geschmack an ihnen zu finden. Sie waren übrigens aus einem griechischen Geschäft. (Zur Erklärung: Es gibt viele Griechen in Burundi. Anfangs kamen sie – vor mehreren Jahrzehnten – wegen des Fischfangs. Viele Griechen sind auch hier geboren. Heute nimmt die Zahl aber ab und Inder und Pakistani übernehmen das Feld. Unglücklicherweise, denn die Griechen haben wenigstens in das Land investiert, Geschäfte gebaut, sagt Verena. Die Asiaten schleppen aber nur das Geld aus dem Land).
Tag 2 in Bujumbura
Sonntag, 22.10.2006. Sonntag ist Sonntag, auch in Burundi. Wir nutzen den Tag, die Stadt anzuschauen. Verena fuhr uns durch einige Viertel, dass wir sehen konnten, wo der Markt, die Geschäfte, Internetcafés, Banken, etc. sind. Auf den Markt dürfen wir aber noch nicht. Es ist ein einziges Menschengetümmel. Selbst beim Vorbeifahren hat Verena die Zentralverriegelung geschlossen und wir die Fenster hoch gekurbelt. Es ist die gefährlichste Gegend. Hier flogen im Bürgerkrieg Granaten. Einfach so in die Menge geworfen. Es ist unglaublich, wenn man nun die Plätze sieht und sich in Erinnerung ruft, was hier vor so kurzer Zeit noch passiert ist. Es gibt übrigens auch hier einen Champs Élysée (wenn man das so schreibt?!).
Die Tankstelle ist noch mit einem Tankwart ausgestattet, der alles am Auto tut, was man ihm sagt. Es kommt einem wirklich vor, als wäre man einige Jahrzehnte zurück. In manchen Gegenden könnten es auch Jahrhunderte sein. So zum Beispiel in der Gegend, als wir den Hügel zur Universität hoch gefahren sind. Die Häuser/Hütten sind hier an den steilen Hängen gebaut. Unglaublich…Verena meinte, wir würden dort noch hingehen und durchlaufen.
Ungefähr auf der Mitte der Hügelkette steht ein Grabmal, zugleich Denkmal. Wessen Grab es ist, habe ich vergessen, es war aber irgendein Präsident oder dessen Sohn, ein König oder Prinz. „Einheit, Arbeit, Fortschritt“ steht in großen schwarzen Lettern darüber – ein Mal in der Landessprache, Kirundi, ein Mal auf französisch. Das Leitmotiv ist auch auf allen Geldscheinen zu finden. Und auch die drei Sterne in der burundischen Flagge stehen für dieses Motto. (Über diese drei Sterne gibt es aber noch einige, haarsträubende Theorien, die auch zur Volksverhetzung führen können…) Vor dem Denkmal stand ein Polizist, der hier eben aufpasst (obwohl es nichts aufzupassen gibt). Als wir die Treppen hochsteigen wollten, sagte er, dass es Eintritt kostet. Verena lacht und winkte uns, dass wir wieder gehen. Es habe noch nie „Eintritt“ gekostet, sondern sei ein öffentlicher Platz. Der junge Polizist versucht eben nur, sein Gehalt aufzubessern. So wie alle hier. Auf eine Art und Weise sind sie alle Gauner hier. Aber irgendwie liebenswerte Gauner. Mal mehr, mal weniger. Aber bestechlich sind sie beinahe alle.
Ganz oben auf dem Campus der Uni hat man eine gigantische Aussicht über ganz Bujumbura und über den Tanganyikasee hinüber zum Kongo. Die düsteren Berge des Kongo, im Nebel liegend, so unerreichbar erscheinend…es ist ein faszinierender Anblick. Ein so faszinierendes Land, wohl schön und dabei aber so gefährlich. Vor allem jetzt, kurz vor den Stichwahlen zwischen dem Präsidenten Kabila und Herausforderer Bemba. Verena ist sich sicher, dass es zum Krawallen kommen wird. Inwiefern wir das mitbekommen oder hören, wird sich zeigen.
An jeder Ecke der Stadt sind übrigens Soldaten oder Polizei zu sehen. „Schutzfunktion“, da überall bis vor Kurzem noch Rebellen waren. Dazwischen die UN-Soldaten. Ein merkwürdiges Gefühl, neben Uniformen, Maschinengewehren und kleinen Panzern. (Auf dem Parkplatz der Universität steht ein kleiner Schützenpanzer, der den Campus der Uni bewacht).
Auf der Fahrt zum Strand sind wir an dem Gelände der UN vorbei gefahren. Gelände ist eigentlich falsch, es ist beinahe schon ein Viertel. Ein unglaublich großes Areal, überall Wachtürme mit Maschinengewehren und grimmig schauenden Soldaten. Verena erzählte, die meisten UN-Soldaten seien Südafrikaner und hätten nur Frauen im Kopf. Sie benähmen sich wie die Besatzer und seien hier nicht besonders hoch angesehen. Als ich manche gesehen habe, konnte ich das nachvollziehen. Kein Wunder, wenn sich manch ein Burunder über sie ärgert – und vielleicht auch darüber hinaus geht. Nur dann heißt es in der Presse gleich wieder: „UN-Soldaten angegriffen!“ Tja, es gibt nun immer zwei Seiten.
Mittagessen und ein gewöhnungsbedürftiger Snack
Unser erstes Mittagessen in Burundi nahmen wir am Strand zwischen einem Mangostrauch und einer Kokospalme ein. Hört sich paradiesisch an. Ist es auch – zumindest für die reichen Burunder und UN-Leute, die hier ausschließlich herkommen und es sich leisten können. Wenn man Geld hat, braucht man hier wirklich auf nichts verzichten. Es ist ein so krasses Gefälle zwischen arm und reich. Und es ist noch mehr verwunderlich, dass dieses Nebeneinander funktioniert – und keine Rebellion ausbricht o.ä.
Das Essen bestand aus Ziegenfleisch, paniertem Fisch („Kapitän“), Salat, Pommes und Pili Pili – das ist eine Chilipaste, unheimlich scharf! Schärfer als unser Tabasco. Ach ja, wir probierten auch einen burundischen Snack. Das sind kleine Fischchen (indagara), etwa vier Zentimeter lang, die mit Schuppen, Augen und allem angebraten werden. Zusammen mit einem Zwiebelring werden sie gegessen wie Chips. Sehr zäh, starker Fischgeschmack. Ich habe probiert, als ich jedoch ein paar Minuten vor dem Teller saß und die Augen der Fischchen gesehen habe, wollte ich keinen mehr essen. Einer reicht. Es war okay, aber bestellen würde ich es mir selbst nicht.
Der Strand ist wirklich sehr schön. Der Tanganyikasee sieht ruhig und friedlich aus, kaum zu glauben, dass sich hierin Alligatoren befinden sollen. Aber anscheinend haben die sich schon den ein oder anderen Badegast geholt…
Überall stehen Burunder mit Booten, mit denen man gegen Geld ein bisschen rumpaddeln kann. Dazwischen sind Verkäufer, die ihre burundischen Süßigkeiten anbieten – so etwas wie unsere Krapfen an Fasnacht/Karneval oder vergleichbar mit Donuts. Habe leider noch keinen probiert, kommt aber noch.
Aber Erdnüsse (ibiyoba) haben wir gegessen! Und die schmecken wirklich super lecker. Sowieso alles hier. Man hat das Gefühl, erst jetzt so richtig den Geschmack der Früchte kennen zu lernen. Jeden Morgen gibt es als aller erstes Papaya mit Zitronensaft. Soll gut für die Verdauung sein. Schmeckt auf jeden Fall sehr, sehr gut. Dazu gibt es Kaffee mit Kaffeeweißer/Milchpulver. Milch gibt es zwar zu kaufen, macht aber kein Mensch. Denn wenn der Strom ausfällt/abgeschaltet wird, ist sie im Nu sauer. Außerdem frühstücken wir hier bei Verena Hefezopf (!!!), Brot, Käse aus dem Kongo (schmeckt ähnlich wie Gouda), diverse Marmeladen (Erdbeere, Brombeere, u.a.) und Eukalyptus-Honig. Ja, es schmeckt alles so gut, wie es sich anhört. Im Kinderheim wird dieser Luxus aber ein Ende haben. Maisbrei und Bohnen sind hier an der Tagesordnung. Wobei sich hier Verena und Benoit einig sind, dass wir uns das nicht antun sollen – wir kriegen das Essen hier in Verenas Haus. Sofern wir das überhaupt wollen…….Ich denke aber, dass wir mit den Kindern essen werden. Und ab und zu eben selbst kochen. Haben ja im Heim unsere eigene Küche dann. Außerdem gibt es eine Kochunterrichtsstunde, in der burundische Kids kochen lernen. Eine Möglichkeit wäre auch, dass wir daraus unser Essen bekommen und mit den kleinen Köchen essen.
Das Abendessen war ein großer Salat mit Avocado (ist immer mit dabei), viel Zwiebeln (die aber nicht so scharf sind wie in Deutschland), Tomaten, Salatgurken und grünem Salat. Alles sehr lecker. Dazu Brot.
Die Regenzeit scheint einzusetzen…
Ach ja, mittags am Strand sahen wir noch die für Burundi typischen Trommler in ihren Gewändern. Sie gaben eine kurze Kostprobe und wollten Geld. Fotografieren war allerdings sehr teuer – sie wollten 3.000 Burundifranc. Das sind nicht ganz 3 Euro pro Bild. Benoit sagt, das sei ein Verbrechen und viel zu teuer. „Banditen“ schimpfte er. *lach* Demnach habe ich nichts gegeben. Nur für die Darbietung an sich hat Lena einen Dollar ins Körbchen geworfen. Ein paar Fotos habe ich aber dennoch gemacht – ganz am Anfang, als ich noch nicht wusste, dass es extra kostet und ich die Kamera wegstecken musste.
Tag 3 in Bujumbura
Montag, 23.10.2006. Feiertag in Burundi. Ein neuer Feiertag. Es ist Ende des Fastenmonats Ramadan und die muslimische Minderheit im Land feiert. Der Feiertag wurde aber nur deshalb eingeführt, weil sich der Chef der amtierenden Partei zum Islam bekennt und er derzeit eigentlich der mächtigste Mann hier in Burundi ist. Der – eigentlich mächtigere – Präsident Nkurunziza lässt sich aber von ihm überrollen. Das hängt mit der Geschichte der beiden zusammen, als sie noch gemeinsam als Rebellen damals gegen das Regime kämpften. Der amtierende Parteichef hatte nämlich als Moslem Kontakt zu Leuten aus Arabien, Äthiopien und andere islamische Länder und konnte so die erforderlichen Waffen besorgen, die für das Standhalten gegen die offizielle Armee notwendig waren. Und deswegen schätzt Präsident Nkurunziza seinen ehemaligen Rebellenkollegen immer noch so hoch und lässt ihn quasi frei walten.
Das ist der Hauptgrund, warum sich der Islam hier rasend ausbreitet. Verena meint, die Anzahl verschleierter Frauen nähme rasant zu. Und so kommt es auch, dass nun heute nochmals Feiertag ist. In Bujumbura sind derzeit etwa 10 Prozent Muslime.
Es hat heute Nacht stark geregnet und gewittert. Ein Zeichen für die Regenzeit. Das wird nun bis Januar so bleiben, im Januar selbst ist dann eine kurze Unterbrechung der Regenzeit, die im Februar wieder einsetzt. Jetzt ist Frühlingsanfang, alles blüht und gedeiht, an Weihnachten ist hier dann Sommer. Verdrehte Welt. Fremde, neue, schöne Welt. Ich denke, wir werden uns hier wohl fühlen können und können etwas erreichen. Ich hoffe und ich denke es. Übrigens: Wie der Vogel aussah, der mich heute Morgen mit seinem Singsang weckte, weiß ich nicht. Aber er war unerschöpflich.
Den Tag nutzen wir, um weitere Pläne zu schmieden, Sprache zu lernen – und Tagebuch zu pflegen. Ich muss schon sagen, eine zeitintensive Arbeit. Die Erlebnisse häufen sich und alles will notiert sein. Die technischen Möglichkeiten sind aber, wie schon gesagt, beschränkt. Wenn ein Internetanschluss da ist, kann es sein, dass er lange nicht funktioniert. Und wenn er funktioniert, dauert es Stunden, bis eine Internetseite geladen ist. Voraussetzung dafür ist aber erst einmal der Strom…
Heute Nachmittag werden wir ins Straßenkinderheim fahren. Dort wird dann für uns getrommelt J
Ich werde dem Schreiben nachkommen, sobald und soweit mir möglich.
Dienstag, 24.10.2006 (4. Tag)
Im Straßenkinderheim mit 120 Kindern wurden wir genauso empfangen, wie im Kinderheim. Stürmisch. Aber es kam uns etwas „angenehmer“ vor als im Kinderheim. Lag aber höchstwahrscheinlich daran, dass wir am ersten Tag so platt von der Reise und schlichtweg überfordert waren. Gestern war es super mit den Straßenkindern. Die Kinder dort sind offener und etwas umgänglicher als die Kids im anderen Heim. Ich hatte aber auch schon viel weniger Probleme, mich zu verständigen. Zum einen war ich gestern nicht müde, zum anderen habe ich tatsächlich schon Fortschritte mit meinem Französisch gemacht.
Auf jeden Fall habe ich schon mit einigen der Kids richtig geplaudert. Mit Emanuel (davon gibt es mehrere), Cyprien, Desiree (das ist hier auch ein Jungenname), Silvair, Thierry und vielen anderen. Es war witzig, vor allem waren die Kids sehr, sehr interessiert. Sie fragten nach unserer Schule, Universität, welche Sprachen wir sprechen und so weiter.
Wir bekamen sogar unsere eigene Trommelshow – mit den traditionellen Kostümen, Trommeln und Gesängen. Echt Wahnsinn! Im Anschluss durften (mussten) wir auch selbst noch trommeln – es ist wesentlich schwerer als es aussieht!!! Danach bekamen wir auch noch Vorführungen im Turnen. Dabei reichte den Kids ein einfacher LkW-Reifen als Trampolin aus. Saltos, Flic Flac, Handstände…
Kurz vor 18 Uhr – die Zeit verflog geradezu – mussten wir aber gehen, weil uns die Mosquitos auffraßen. Da es in der Nacht zuvor geregnet hatte stand überall das Wasser. Optimale Bedingungen also für die Anophelesmücke, den Malaria-Überträger Nummer eins.
Bujumbura und Burundi sind faszinierend. Wir fühlen uns wohler mit jedem Tag. Wir hoffen nun nur, dass wir mit unserer Arbeit hier in einem Jahr auch möglichst viel erreichen können.
Die Schule der burundikids ist übrigens fertig gebaut. Doch die Kinder der Fondation Stamm, also die 120 aus dem Straßenkinderheim und die 56 aus dem anderen Heim, gehen dort noch nicht hin. Die Entfernung ist einfach zu groß, da sich die Schule auf der anderen Seite der Stadt befindet. Es müsste täglich ein Busgeld bezahlt werden, was aber sehr teuer käme. Die Fondation-Kinder gehen also noch in andere Schulen bzw. bekommen in ihren Heimen teilweise auch Schulstunden.
In Planung ist nun ein Internatsgebäude mit Krankenstation direkt neben der Schule. Kostenpunkt: 200.000 Euro. Langfristiges Ziel ist es, dass die Kinder aller Heime an einem Ort zusammen wohnen und auch zur Schule gehen können. Das neue Internat würde „unseren“ Kindern Platz bieten. Vor allem wäre es etwas eigenes und kein Gebäude, für das Miete bezahlt werden muss, wie es derzeit der Fall ist.
Zur Schule können 1.000 Kinder gehen. Neben „unseren“ 176 Kindern, haben also auch andere Kids aus der Umgebung die Möglichkeit, dort den Unterricht zu besuchen. Das Schulgeld, Lernmaterialien, Schuluniform und so weiter zahlt die Fondation Stamm für die burundikids. Die anderen Kinder müssen durch ihre Eltern finanziert werden. Diese Einnahmequelle würde das Fortbestehen der Einrichtung sichern.
Verena meinte, dass pro Kind ein Betrag von 25 Euro pro Trimester (vier Monate) ausreichen würde, um es vollständig und rundum zu versorgen – darin sind Schulhefte, Stifte, Schulgeld und und und enthalten. Es fehlt nur an genügend Spendern…
13.24 Uhr
Sind gerade von der Schule am Stadtrand zurück gekommen. Hier ist ehemaliges Rebellengebiet – noch bis vor Kurzem! Haben uns in jeder Klasse dem Lehrer/der Lehrerin und den Schülern vorgestellt. Sobald die Tür aufging, erhallte „Bonjour Medames, bonjour Monsieur!“ und alle Kinder standen hinter ihren kleinen, hölzernen Schulbänkchen auf. Mir scheint, als sei Höflichkeit und Respekt hier wesentlich größer geschrieben als in Deutschland. Wenn ich mich an die Schüler in Deutschland erinnere…
Wir machten Bekanntschaft mit der Direktorin (Dinje) und einigen Lehrern. Das Lehrerzimmer ist sehr klein, ich schätze, ein Raum 5 Meter mal 10 Meter. Die Klassenzimmer haben etwa das Maß, das man auch aus deutschen Schulen kennt. Vielleicht etwas kleiner. Englisch, Kirundi, Französisch, Physik, Mathematik, Biologie, Geografie und Geschichte und außerdem Nähen (Frauen) und Schreinern (Männer) stehen auf dem Lehrplan.
Wir haben übrigens auch das kleine Gebäude gesehen, das Martina und die Architekturstudentinnen neben der Schule gebaut haben. Hier wird Näh- und Schreinerunterricht gegeben. Der Lehrer spricht sogar ein paar Worte Deutsch. Der Bau macht es diesen Mädchen und Jungs möglich, etwas zu erlernen, womit sie sich später ihr tägliches Leben finanzieren können. Und was hat es gekostet? Natürlich, einiges an Geld. Und einiges an Nerven und Anstrengung für die Beteiligten. Aber es ist im Vergleich zur immensen Wirkung ein sehr geringer Aufwand. Da kommt in mir die Frage auf, wieso wird so etwas nicht öfter gemacht? Wieso geben sich nicht mehr Menschen, die in der Lage sind, helfen zu können, einen Ruck und investieren ein bisschen ihrer Zeit in ein solches Projekt? Oder einen Teil des Geldes, das andernorts unnötig den Bach hinunter geht? „Ich habe keine Zeit“ ist eine Aussage, die nicht zählt. Zeit ist das, worüber jeder Mensch selbst verfügt und zwar nur er selbst. Es ist das einzige Gut, das ihm niemand nehmen kann. Und es ist das Wertvollste, das er in etwas investieren kann. Denn Zeit ist irreversibel, etwas, das niemals zurück gegeben werden kann.
„Pourqoui non?!“
Im Erdgeschoss wird schon fleißig unterrichtet. In Schichten – der erste Trupp morgens, nachmittags die weiteren Klassen. Im ersten Obergeschoss wird noch gebaut, zementiert und verputzt. Die Arbeitsmaterialien könnten einfacher nicht sein.
Als wir uns zusammen mit den Lehrern auf dem Gelände umsahen, habe ich einen Mann gesehen, der verzweifelt versuchte, einen großen Sack auf sein Fahrrad zu bekommen. Ich ging hin, um ihm zu helfen. Mir kam es so vor, als wenn die Lehrer das dann komisch fanden. Einer fragte auch, weshalb ich das tue. Was ich davon halten soll, weiß ich nicht. Ich sagte einfach: „Pourquoi non/Warum nicht?“
Wo wir grade beim Thema sind: Das Gefälle hier zwischen arm und reich ist stark. Auf der einen Seite sind die bettelnden Straßenkinder, die einen nur mit „Maman“ oder „Papa“ anreden. Auf der anderen Seite fahren hier sogar Mercedes rum. Mercedes sind sowieso das Größte für Burunder. Ein Statussymbol. Wer hier Geld hat, der zeigt es auch, wo er kann. Kann sein, dass ich das schon mal erwähnte, aber es fällt einem tagtäglich auf – und zwar ziemlich krass!
Unser Französisch macht Fortschritte. Sprechen klappt ganz gut, mit dem Schreiben werden wir uns weiterhin schwer tun. Dazu kommt noch unser Versuch, die Landessprache Kirundi zu lernen. Einige Wörter haben wir schon drauf. Die Burunder finden es allesamt sehr witzig, wenn wir versuchen, ihre Sprache zu sprechen. Es ist wirklich schwer, weil Teile der Wörter einfach „verschluckt“ und vernuschelt werden.
Pläne für heute
Unsere weiteren Pläne für heute: Geld tauschen, Karten fürs Handy kaufen, Stoff kaufen – ich lasse mir dann im Kinderheim eine Hose schneidern, so kann sich der Schneider dort auch gleich sein Geld verdienen. Wie wir das mit dem Frisör regeln, müssen wir noch sehen. Die burundischen Frisöre kommen mit unserem Haar nicht zurecht, lachte Verena. Aber mal sehen…
Julia und Marie arbeiten schon an einem Musical, das wir an Weihnachte mit den Kindern im Heim aufführen wollen. Gitarre und Flöte haben wir ja mitgenommen. Habe vor, von Julia wieder Gitarre zu lernen. Habe leider (fast) alles vergessen. Und ach ja, das Trommeln der Straßenkinder will ich auch lernen! Das ist zwar abartig schwer, aber es macht umso mehr Spaß! Übrigens: Als wir gerade nach Hause kamen, bekam Verena die Nachricht von einem UNICEF-Mitarbeiter, dass „unsere“ Trommler aus dem Straßenkinderheim eine Einladung zu einem großen Fest in Äthiopien erhalten haben. Das ist Wahnsinn!!!
In der Stadt
Waren noch mit Verena in der Stadt, einkaufen. Haben uns alle Stoff gekauft, den wir in den kommenden Tagen dem Schneider ins Kinderheim bringen, der uns Hosen uns Hemden machen wird. So tragen wir schon unseren Teil zur burundischen Binnenwirtschaft bei. Julia hat zwischendurch noch einen Fotofilm entwickeln lassen – und um die 10.000 FB bezahlt. Das sind etwa 8 Euro. Teurer als in Deutschland. Das findet man also auch.
Im Anschluss an das Stoffgeschäft – in dem übrigens wirklich alle Farben zu haben sind – sind wir noch beim Metzger vorbei. Verena meinte, es sei der beste der Stadt, was ich später auch an den (europäischen) Preisen sehen konnte. Allerdings würde ich gerade beim Metzger nicht sparen. Qualität hat eben ihren Preis, auch in Afrika. Und die Wurst und das Fleisch sahen wirklich lecker aus. Beinahe wie zu Hause…Nebenan stand noch eine Metzgerei – für Muslime. Nur mit dem Fleisch, das für Muslime „geeignet“ ist: Lamm. Im anderen Metzger kaufen sie nicht, denn dort liegt auch Schweinefleisch im Tresen.
Als wir aus dem Metzgergeschäft kamen, war draußen plötzlich ein riesiger Aufruhr. Polizeisirenen schallten durch die Gasse, ein Trupp Soldaten postierte sich links und rechts von der Straße. Der Präsident kommt! Eine Autokolonne von mindestens zehn Autos. Und das nur, weil der Präsident vom Fußball spielen nach Hause fährt. Vorne weg ein Jeep mit großem Maschinengewehr, danach zwei, drei schwarze Mercedes Limousinen mit getönten Scheiben, weitere Jeeps beladen mit Soldaten und Polizei, dann zwei noble Jeeps mit getönten Scheiben und schließlich nochmals ein Jeep mit großem MG, nach hinten ausgerichtet. So geht das andauernd, wenn sich der Präsident fortbewegt. Die mehreren Autos dienen dazu, dass man nicht weiß, in welchem er sitzt. Ich kann verstehen, warum die Burunder so ein Trara um ihren Präsidenten machen. Bei dieser Vergangenheit…Es gibt auch Straßensperren und Kontrollposten, sobald man nur andeutungsweise in die Nähe der Gegend seines Hauses kommt! Aber im Volk stößt dieses Gehabe auf viel Kritik, weil es zu viel Geld kostet.
Schauten auch bei der deutschen Botschaft vorbei. Sollen uns dort melden, einfach so, dass wir da sind. Dass die wissen, wer sich im Land aufhält, falls etwas passieren sollte. Die Botschaft ist im Moment noch in einer Notunterkunft untergebracht – in einem Hotelzimmer des „Source du Nil“. Nur leider ist heute noch geschlossen. Die wenigen Muslime im Land feiern immer noch das Ende des Ramadan und die deutsche Botschaft macht auch einfach mal nicht auf. Hier in Burundi, wie in Afrika allgemein, arbeitet sowieso jeder, wie es ihm passt. Das gilt auch für die Geschäfte. Waren in einem Viertel, das beinahe ausschließlich nur Asiaten bewohnen (Inder, Pakistani, usw.). Die einzigen, die ihre Läden offen hatten, waren die Inder – weil die das Fest des Ramadan nicht teilen. Morgen gehen wir also noch mal zur Botschaft.
Der Gang zu Metzger führte übrigens dazu, dass wir abends Kartoffelsalat und Frankfurter Würstchen serviert bekamen. Unglaublich, oder? Wir sitzen mitten im Herzen Afrikas und essen Kartoffelsalat mit Frankfurtern.
Vor dem schlafen gehen haben wir heute unsere Zimmer mit Insektiziden ausgesprüht. Unser Viertel hatte heute keinen Strom, daher funktionierten die kleinen Geräte nicht, die die Moskitos vertreiben sollen. Das Zeug von Bayer tut es zwar auch, aber es stinkt unheimlich und man kann den Raum eine halbe Stunde lang nicht betreten, wenn es angewendet wurde. Bin verstochen. Aber mit nur vier Moskitostichen bin ich gut dran – Julia hat schon etwa 20 gesammelt. Trotz Moskitonetz, Zimmer einsprühen und Autan.
Mittwoch, 25.10.2006 (5. Tag)
8.00 Uhr. Heute wollen wir noch mal zu Botschaft, uns melden. Danach schauen wir im Heim für junge Mütter vorbei. Wollten das eigentlich gestern schon erledigen, das Heim liegt jedoch in einem schwierigen Viertel. Verena meinte, sie will dort nicht mehr sein, wenn es dunkel wird. Da es gestern schon zu spät war, haben wir es auf heute verschoben. Hier geht nämlich pünktlich um 17 Uhr die Sonne unter und um 18 Uhr ist es stockdunkel. Jeden Tag, das gesamte Jahr.
Gestern Abend habe ich mit Verena versucht, das Internet im ersten Obergeschoss, also ihrer Wohnung zum Laufen zu bekommen. Uns fehlte jedoch ein Kabel, weil die burundischen Telefonsteckdosen ungefähr doppelt so groß sind wie die deutschen. Heute müssen wir also noch so ein Kabel auftreiben. Das Internet in Verenas Büro ist der langsamste Anschluss, den ich in meinem Leben jemals gesehen habe. Nichts für Choleriker oder Ungeduldige. So wie alles hier. Man hat viiiiiiiiiiiiiiiiiiel Zeit.
Gestern Abend hat Verena uns Karten fürs Handy geholt. Sie sagt, das sei ihr Einstandsgeschenk an uns. Es sei zu unserer Sicherheit, dass wir sie jederzeit erreichen können. Und uns gegenseitig. Man weiß ja nie…
16.15 Uhr. Zum Mittag gab es Salat. Tomaten, Gurken, Zwiebeln, Avocado und grüner Salat. Dazu die restlichen Frankfurter Würstchen von gestern Abend, warm. Lena hat Suppe gegessen. Erbsen, Spinat und einige andere Gemüsesorten püriert mit Kartoffelstückchen, dazu Baguette. Es ist uns allen vier etwas unangenehm, dass wir hier so verköstigt werden. Aber Verena ist nicht davon abzubringen. In den kommenden Tagen wird sich das ändern, wenn wir in das Kinderheim ziehen. Wir werden sehen.
Das Heim für junge Mütter
Heute Vormittag waren wir einige Stunden im Heim für junge Mütter. Darin ist ein Kindergarten integriert, in den auch Kleinkinder aus dem dortigen Viertel gehen. Die Einwohner sind ganz froh darum, da sie in der Zeit ihre Kinder behütet wissen und ihrer täglichen Arbeit nachgehen können. Es ist auch sehr wichtig, dass das Heim – wenn auch eingezäunt – sich in das Umfeld integriert, um keine möglichen Hassgefühle oder Neid aufkommen zu lassen. Wie schon erwähnt, liegt das Mütterheim in einem armen Viertel, das nachts gefährlich werden kann.
Verena erzählte eine Geschichte aus vergangener Woche. Der Konflikt zwischen Hutu und Tutsi scheint keinesfalls vergessen. Viele tun so, als würden sie sich vertragen und sich gegenseitig respektieren. Unterschwellig jedoch sind nach wie vor Abneigung, ja sogar Hass nach wie vor präsent und treten in manchen Situationen auch wieder ans Tageslicht. Einige Mädchen aus dem Heim wollten vergangene Woche Wasser holen gehen. Als es an der gewohnten Stelle jedoch keines mehr gab, gingen sie ein Viertel weiter. Dort war das Wasser ebenfalls ausgegangen, so dass sie noch weiter gehen mussten. Schließlich fanden sie eine Wasserstelle in einem Hutu-Viertel. Als sich ein Junge an der Warteschlange vorbei drängeln wollte, wiesen die Mädchen ihn darauf hin, dass sie schon lange warteten und er sich hinten anstellen soll. Da sich unter den Mädchen sowohl Tutsi als auch Hutu befinden, schrie der Junge, was sie denn hier überhaupt wollen. Sie seien verdammte Tutsi und das sein ein Hutu-Viertel. Dabei schlug er einem Mädchen mit einem Stock auf den Kopf und verletzte sie schwer. Leider ist das nach wie vor Alltag. Stadtbezirke, in denen ausschließlich eine der Ethnien wohnt, sind immer noch gegeben. Es steckt tief in den Menschen. Und es ist eine sehr schwierige Aufgabe, diesen durch die koloniale Geschichte hervorgerufene Abgrenzung und Abneigung aus den Köpfen zu vertreiben. Ein scheinbar aussichtsloses Unterfangen. Aber die Hoffnung in Burundi ist ebenfalls stark.
In dem Heim sind 20 Mütter mit ihren Kleinkindern und Babys untergebracht. Die Verhältnisse sind sehr einfach, geschlafen wird in 10 Quadratmeter großen Zimmern auf Stockbetten. Aber ein Dach über dem Kopf und tägliches Essen sind für die meisten schon Luxus. In die Mauer, die sich um das kleine Geländer zieht, sind oben Glasscherben einbetoniert. Eine Art „Stacheldrahtzaun“. Die Scherben sind aus Flaschen des Bieres „Heineken“, weil das importiert wird und das Pfand nirgends zurück gegeben werden kann. Gekocht wird auf einer kleinen Feuerstelle mit Alutöpfen, meistens Bohnen und Maisbrei.
Das Mädchen, das zuletzt in das Heim aufgenommen wurde, kam mit einem Baby, das stark unterernährt war. Es ist einen Monat alt und wiegt nur einen Kilogramm. Martine, ein anderes Baby, das an einem Herzfehler leidet, ist elf Monate alt. Sie hat gerade erst sitzen gelernt – in diesem Alter müsste das Kind schon stehen können. Durch die Regelmäßige Pflege hier im Heim hat Martine auch schon an Gewicht zugenommen und scheint auf dem Weg der Besserung. Ärzte meinen jedoch, sie werde ihr Leben lang den anderen Kindern an Gewicht „zurück liegen“. Als sie wach wird, macht sie einen ganz aufgeschlossenen Eindruck, will alles greifen und anfassen. Ein so süßes Baby. Im heim für junge Mütter der Fondation Stamm, unterstützt von burundikids e.V. hat sie wahrscheinlich eine Chance auf ein normales Leben. Aber da fängt es schon an: Was ist bitteschön normal? Normal in einem Land, in dem ein Menschenleben wenig bis gar nichts zählt?
Wir haben nun alle Einrichtungen in Bujumbura der Fondation Stamm gesehen und erste Eindrücke bekommen. Fest steht, dass es diesen Kindern, Waisen, ehemaligen Kindersoldaten und jungen Müttern besser geht als vielen ihre Landsleute. Jedoch ist es nach wie vor ein Leben in Armut. Sie haben Betten, Essen und auch das meiste an medizinischer Versorgung. Ein erster Schritt zu dem, was so oft als menschenwürdig bezeichnet wird. Strom gibt es beispielsweise nicht. Entweder, weil die Leitungen nicht in allen Vierteln gelegt wurden, noch von Krieg zerstört sind oder weil er schlichtweg nicht vorhanden ist. Das ist ja auch in Verenas eigenem Haus der Fall. Rationierung des Stroms. Ihre Arbeit für die Fondation kann sie beispielsweise auch nur verrichten, weil sie sich einen Generator leisten kann, der während der Stromausfälle eingesetzt werden kann. In den Heimen besteht diese Möglichkeit (noch) nicht. Hier sind Kerzen angesagt – soweit vorhanden und erschwinglich.
Es fehlt an Geldern – an allen Ecken und Enden. Matratzen müssen gekauft oder erneuert werden, Stockbetten repariert, Moskitonetze geflickt, Essen und Wasser bezahlt werden. Es steckt so viel Potenzial hinter dem allem, Verena und auch wir stecken voller Ideen, die es umzusetzen gilt. Jedoch ohne Unterstützung und Rückhalt aus der Heimat, sprich Deutschland, ist das nicht möglich, bzw. sehr, sehr fraglich. Dabei ist Bildung das allerwichtigste, wo angepackt werden muss. Denn nur wer weiß, kann auch richtig handeln. Nur wer abschätzen kann, kalkuliert richtig. Und nur wer lernt, kann Konsequenzen ziehen und etwas verändern.
Es ist teilweise ein richtiger Gewissenskonflikt. Wir wohnen – zumindest im Moment noch – im Haus bei Verena, haben Wasser, gutes Essen und eigentlich alles, was wir brauchen. Auf der anderen Seite sehen wir die schwere Armut. Doch es wird uns von allen Seiten gesagt, dass wir erst an uns denken müssen. Denn nur, wenn es uns gut geht, wenn wir uns gut fühlen, sind wir in der Lage, zu helfen, zu geben und anderen Mut zu machen.
Der letzte Abend / Unterstützungen
Oktober 20, 2006
Ein letzter Abend mit den Freunden. (Fast) alle haben sich die Zeit genommen, uns noch mal zu sehen. Und obwohl die meisten morgens wieder aus den Federn ins Geschäft mussten, wollte selbst spät in der Nacht keiner nach Hause gehen. Gemischte Gefühle sind das. Auf der einen Seite ist man selbst derjenige, der weg will. Man will in eine neue Welt schreiten. Man muss ja vor nichts und niemandem flüchten. Und dennoch macht sich Herzschmerz breit, wenn die ganzen Freunde um einen herum stehen und einen eigentlich gar nicht gehen lassen wollen. Aber jetzt ist es soweit – der letzte Tag in Deutschland ist angebrochen, die Koffer stehen gepackt und bereit zum Verladen. Es ist ja „nur“ ein Jahr…
Unterstützung
Herzlichen Dank an dieser Stelle auch an die Leute, die uns bis zuletzt unterstützten oder zusagten, dies noch tun zu wollen und uns ihr Interesse entgegen brachten. Die Resonanz auf unser Vorhaben ist gigantisch und ebenso der Wille, uns bzw. die burundikids zu unterstützen. Vielen, lieben Dank!
Dies ist der letzte Beitrag aus Deutschland. Weitere folgen, sobald ich die technischen Möglichkeiten hierzu habe. Ni agasaga! (Kirundi: Auf Wiedersehen!)
burundikids – „on air“
Oktober 18, 2006
Heute bekamen die burundikids eine kurze Meldung in den Nachrichten von Hit1. Auf der Homepage unter „News aus der Hit1 Redaktion“ um 11.27 Uhr findet ihr den Text der Meldung inklusive dem O-Ton von mir. Allerdings nicht mehr lange…schließlich arbeiten die Radios ja tagesaktuell :-)
Danke an dieser Stelle auch an Hit1 für die Unterstützung!
Hunger in Burundi (II)
Oktober 15, 2006
Artikel in den Badischen Neuesten Nachrichten vom Samstag/Sonntag, 14./15. Oktober 2006:
Burundi steht ganz unten
„Welthunger-Index“ soll Entwicklungshilfe verbessern
Berlin (BNN/dpa). Ein neuer „Welthunger-Index“ mit Daten aus mehr als 100 Ländern soll den Kampf gegen Armut und Unterernährung effektiver machen. Die Deutsche Welthungerhilfe und das Internationale Forschungsinstitut für Ernährungspolitik (Ifpri/Washington) stellten den Index in Berlin vor. Er enthält umfangreiche Berechnungen aus 97 Entwicklungs- und 22 Transformationsländern aus dem früheren Ostblockgebiet.
Die besten Werte erreicht danach Weißrussland, gefolgt von Argentinien und Chile. Am schlimmsten ist die Situation in den Ländern Kongo, Eritrea sowie Burundi, das den letzten Listenplatz einnimmt. Vor allem Kriege und Misswirtschaft seien maßgeblich verantwortlich dafür, dass viele Länder beim Ranking sehr schlecht abschnitten, sagte die Vorstandschefin der Deutschen Welthungerhilfe, Ingeborg Schäuble. Der neue Index zeige aber auch, dass Hunger erfolgreich zurückgedrängt werden könne, sobald Frieden herrsche und rasch mit dem Wiederaufbau begonnen werde. Vom Millenniumsziel, die Zahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren, sei man aber noch weit entfernt. Weltweit seien 850 Millionen Menschen unterernährt, und 2015 werde die Zahl nach derzeitigen Schätzungen immer noch bei 600 Millionen liegen.
Ifpri-Generaldirektor Joachim von Braun erhofft sich von der deutschen G-8-Präsidentschaft 2007, dass der Kampf gegen den Hunger wieder ganz nach oben auf die politische Tagesordnung kommt.
burundikids auf ka-news.de
Oktober 15, 2006
Seit heute, ganz aktuell ab 10.30 Uhr, Online-Artikel auf ka-news!
Hunger in Burundi
Oktober 14, 2006
Aktuellste Neuigkeiten aus Burundi findet Ihr auf den Seiten der Tagesschau.
Weniger gute Nachrichten. Aber es spornt umso mehr an, endlich anzupacken. Ein Zeichen mehr, dass etwas getan werden muss.
Danke, Elke G., für die Mitteilung dieses Links. Das Interesse, das uns entgegen gebracht wird, ist fantastisch. Es freut mich, denn nur gemeinsam kann man etwas erreichen. Je mehr Unterstützung, desto besser.